Cixin Liu: Spiegel

Von Cixin Liu habe ich vor einigen Monaten das erste Mal gehört, es war eine Rezension über Die drei Sonnen. Das Buch wanderte sofort auf meine Liste der zu lesenden Bücher, wurde der Autor doch mit Größen wie Arthur C. Clarke verglichen. Der Zufall wollte es jedoch so, dass ich meine Annäherung an diesen chinesischen Science-Fiction-Autor mit einem anderen Buch begonnen habe.

Über die chinesische Literatur weiß ich rein gar nichts, über die chinesische Science-Fiction-Literatur habe ich somit auch keine Vorstellungen. Ich habe auch noch nie darüber nachgedacht, ob es überhaupt eine gibt.

Als ich in der Bibliothek schließlich Spiegel erblickte, griff ich sofort danach, und nachdem ich den Klappentext gelesen habe, war ich begeistert.

In China beschließt man, in den Verwaltungsbehörden mehr Akademiker einzustellen. Einer dieser jungen, idealistischen Professoren ist Song Cheng, der in der Antikorruptionsbehörde schnell Karriere macht. Eines Tages stößt er auf einen Skandal, der sich wie ein Geschwür durch die ganze zentralchinesische Provinz Henan zieht: Industriebosse, Parteikader und Verwaltungsbeamte auf allen Ebenen sind darin verstrickt. Als Song Cheng aber kurz davor ist, den Skandal aufzudecken, wird er ins Gefängnis geworfen. Mächtige Gegenspieler wollen ihn für immer loswerden. Doch dann kündigt sich ein seltsamer Besucher bei Song Cheng an und erzählt ihm Dinge über den Skandal und aus Song Chengs Leben, die eigentlich niemand wissen dürfte und die nur einen Schluss zulassen: dieser Mann weiß alles. Aber wie ist das möglich, und was hat der geheimnisvolle Supercomputer mit der kosmologischen Simulationssoftware zu tun? Die Konsequenzen dieser Unterredung sind allerdings noch viel weitreichender, als Song Cheng jemals hätte ahnen können…

Die Geschichte spielt also in China, in der nahen Zukunft, alles scheint normal zu verlaufen (da scheint meine „Verdorbenheit“ durch, für mich ist Korruption leider ein natürlicher Teil des Alltags), bis einer auftaucht, der alles weiß. Und er weiß tatsächlich alles. Er wird zwar verfolgt, aber seine Verfolger haben keine Chance ihn zu fassen, weil er auf die Sekunde genau zu wissen scheint, wann sie kommen und wann sie sich überhaupt vornehmen, zu seinem Aufenthaltsort zu gehen!

Obwohl von Gefängnis und Skandal die Rede ist, ist diese Geschichte kein Thriller. Es ist eine klassische Science-Fiction-Geschichte, wo das Augenmerk auf einem philisophischen Gedanken liegt (in diesem Fall darauf, was es mit sich bringt, wenn jemand alles weiß, was geschehen ist und was geschehen wird).

Der Mensch neigt dazu, immer nach seinem eigenen Nutzen zu trachten. Welche Vorteile bringt mir, wenn ich diesen Computer besitze? Welche Macht kommt dadurch in meine Hände? Im Grunde streben die meisten in ihrem Leben nur nach diesem einen Ziel, sich selbst Vorteile zu schaffen. Und diejenigen, die zuerst immer an andere, an das Wohl der Menschheit denken, die werden oft verspöttet und als Loser dargestellt.

Cixin Liu stellt in dieser kurzen Geschichte die Frage, was Menschen, die bereits über ein wenig Macht verfügen und sich mit Machtspielchen bestens auskennen, mit noch mehr Macht anfangen, wenn sie auch die Gefahren dieser Macht kennen.

Für die Antwort lohnt es sich allemal, die Novelle zu lesen. Sie wurde übrigens 2004 mit dem Galaxy Award ausgezeichnet.

3 Kommentare zu „Cixin Liu: Spiegel

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