Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

Von Irmgard Keun habe ich erst vor Kurzem im Literarischen Quartett gehört und habe dann bei nächster Gelegenheit gleich ein Buch von ihr besorgt.

Ich war völlig unvoreingenommen, ohne jegliche Vorkenntnisse, und wusste noch nicht, dass ich damit ein Highlight dieses Lesejahres in der Hand halte.

IrmgardKeun
Irmgard Keun

Aus dem kurzen Autorenlebenslauf im Buch erfuhr ich dann, dass Irmgard Keun 1910 in Berlin geboren ist, Anfang der 30er zwei sehr erfolgreiche Bücher geschrieben hat (eins davon Das kunstseidene Mädchen), nach dem aber 1933 ihre Bücher von den Nazis beschlagnahmt wurden, hat sie das Land verlassen. Später ist sie zwar zurükgekehrt, an ihre alten Erfolge konnte sie aber nie wieder richtig anknüpfen. In den 70ern wurden ihre alten Romane wiederentdeckt und sie starb 1982.

Sie war also sehr jung, als sie diesen Roman geschrieben hat – und es handelt von einem sehr jungen (18 Jahre alten) Mädchen, das ihr langweiliges Leben als Sekretärin satt hat und ein Star (oder wie sie es nennt: ein Glanz) werden möchte.

Was sofort auffällt ist die besondere Sprache dieses Romans. Die Geschichte wird von unserer Heldin, Doris erzählt, sie hält sie in ihrem Tagebuch fest, was natürlich kein Tagebuch ist:

Und ich denke, daß es gut ist, wenn ich alles beschreibe, weil ich ein ungewöhnlicher Mensch bin. Ich denke nicht an Tagebuch – das ist lächerlich für ein Mädchen von achtzehn und auch sonst auf der Höhe. Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein.

Doris ist nicht besonders gebildet, was man an ihrer Sprache merkt. Keun geht damit mit unglaublich viel Gefühl um, ich musste oft laut auflachen, weil die Wendungen so witzig waren, aber dann wiederum kommen so weise Gedanken von Doris, dass man sich am liebsten stundenlang mit ihr unterhalten möchte.

Trotz der lustigen Passagen ist das keine lustige Geschichte. Doris kommt aus einfachen Verhältnissen und möchte mehr im Leben erreichen, als was ihr bevorsteht (ihr Stiefvater ist ein arbeitsloser Alkoholiker, ihre Mutter arbeitet am Theater, Doris gibt einen großen Teil ihres Gehalts an den Vater ab). Sie möchte Geld haben, sie möchte sich bilden (was ebenfalls Geld braucht), und in erster Linie möchte sie sich nicht dafür schämen, wer sie ist.

Immer wieder trifft sie Männer, die sie zum Essen einladen, mit ihr trinken gehen, ihr Geschenke und Kleider kaufen… und dafür natürlich auch eine Gegenleistung erwarten. Doris sieht das nicht sehr kritisch, aus ihrer Sicht nutzt sie nur die Möglichkeiten aus, die sich ihr bieten. Sie hat ja keine Wahl, wenn sie im Leben weiterkommen möchte und sie zeigt immer wieder, wie gut sie Männer kennt und wie sie ihre Ziele erreicht. Sie gibt den Männern sprechende Namen (Hopfenstange, Großindustrie, Laxinmann, Siegerkranz, Pickelgesicht…), dadurch kann man sie leichter auseinanderhalten, sie werden aber gleichzeitig auch verdingt.

Manchmal geht es dabei auch darum, dass sie Lust verspürt, mit einem Mann zusammenzusein.

Tilli sagt: Männer sind nichts als sinnlich und wollen nur das. Aber ich sage: Tilli, Frauen sind auch manchma sinnlich und wollen auch manchmal nur das.

Dieser Aspekt hat mich sehr überrascht. Das Buch erzählt mit so einer Offenheit über diese (eindeutig sexuelle) Beziehungen, ich hätte nicht gedacht, dass es zu der Zeit so zuging.

Doris trifft nicht unbedingt die besten Entscheidungen, sie lügt und sie stiehlt, trotzdem habe ich sie sehr liebgewonnen. Es ist auch relativ schnell klar, dass ihre Träume von der Realität sehr weit entfernt sind. Aber sie gibt nicht auf und vielleicht findet sie am Ende etwas Besseres, als ein Glanz zu sein.

Eine klare Leseempfehlung von mir, und ich freue mich auf mehr von Irmgard Keun.


Der erste Satz:

Das war gestern abend so um zwölf, da fühlte ich, daß etwas großartiges in mir vorging.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.