1/478 | Anthony Burgess: Die Uhrwerk-Orange

Es ist keine schöne Welt. Abends sitzen die Erwachsenen in ihren Wohnungen und schauen fern. Auf die Straße wagen sie sich nur selten hinaus, denn dort wüten gewalttätige Jugendliche. Auch in den Häusern ist man nicht sicher vor ihnen, sie ziehen in kleinen Gangs herum und holen sich, was sie wollen: Geld, Sex oder einfach nur Freude am Leiden der Menschen.

Anders sieht es der Erzähler dieser Geschichte, Alex, der selber so eine Gang anführt. Er ist erst 15 Jahre alt, aber bereits ein vollentwickelter Psychopath. Aus seiner Sicht ist jedoch alles in bester Ordnung. Er weiß zwar, dass seine Taten böse sind, aber es ist seine Wahl, diesen Weg zu gehen:

Aber was ich tu, das tu ich, weil es mir Spaß macht.

Die Jugendlichen dieser düsteren Zukunft haben ihre eigene Sprache, die Nadsat genannt wird. Viele der Ausdrücke haben einen russischen Ursprung, und da ich mal Russisch gelernt habe, war es nicht schwer, sie zu verstehen, aber auch sonst ist das Buch so geschrieben, dass man auch ohne Vorkenntnisse diese Wörter verstehen wird.

Zuerst habe ich den Zweck dieser speziellen Sprache nicht verstanden, aber sie gefiel mir sehr. Ich merke jetzt, dass ich im Gulliver immer wieder Slowos benutze, die aus dem Roman stammen, ich muss nur aufpassen, dass ich anderen gegenüber nicht so quorietsche…

Später habe ich auch den Sinn der Einführung dieses Jargons verstanden: Es ist so viel Gewalt in diesem Buch und diese für uns fremden Ausdrücke helfen dabei, sie durch eine Schleier wahrzunehmen. Die Sprache schafft die nötige Entfernung, sonst könnte man das Buch teilweise nicht lesen, zumindest nicht ohne dass es einem davon schlecht wird.

Es geht aber in erster Linie nicht um die Gewalt, nicht um die verdorbene Jugend. Es geht um eine Gesellschaft, in der die Regierung es sich anmaßt, den Menschen ihre persönlichen Entscheidungen abzunehmen.

Das Gute ist etwas, das man wählen muß. Wenn ein Mensch nicht wählen kann, ist er doch kein Mensch mehr.

Dabei ist es (fast) egal, was der Mensch wählt, ob er ein guter oder ein böser Mensch ist. Hauptsache, diese Wahl steht ihm frei.

Was will Gott? Will Gott den guten Menschen, oder will er den Menschen, der das Gute wählt? Ist ein Mensch, der das Böse wählt, womöglich besser als einer, dem das Gute aufgezwungen wird?

Diese Frage stellt sich, als die Regierung unseren Erzähler, Alex auswählt, ihn einem Experiment unterzuziehen um ihn zu „reparieren“. Dabei wird er wie ein Tier darauf konditioniert, Gewalt nicht mehr zu ertragen.

Was wird aus einer Gesellschaft, in der die Regierung anfängt, jeden, der mal etwas Böses tut (sei es nur das kleinste Vergehen), dieser Konditionierung zu unterwerfen? Wenn also dem Menschen seine Wahlfreiheit weggenommen wird?

Burgess gibt am Ende des Romans eine optimistische Antwort – allerdings ist das nicht in jeder Ausgabe dieses Buches so, in den USA wurde das Buch ohne das letzte Kapitel, mit einem pessimistischen Schluss herausgegeben (auf Wunsch des Verlags, nicht des Autors). Das war 1962… das sagt auch viel über die damalige Zeit aus.

Dieses Buch stand schon seit langem auf meiner Liste der zu lesenden Bücher, es steht auch auf der Liste der 478 Bücher, die ich in meinem Leben noch lesen möchte.  Es sind also „nur noch“ 477 übrig, ich hoffe, dass davon einige noch mindestens so gut sind, wie Die Uhrwerk-Orange.


Diverses

Der erste Satz:

Was soll es denn geben, mh?

Verfilmung:

1971, Stanley Kubrick

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