2/478 | John le Carré: Der Spion, der aus der Kälte kam

Das zweite Buch aus meiner 478 Bücher Challenge. Es geht also wieder um ein Werk, das von einer Reihe Literaturkritiker so wichtig gefunden wurde, dass sie es allen ans Herz legen, es zu lesen.

Und trotzdem war ich jetzt ein wenig enttäuscht.

Vielleicht waren meine Erwartungen zu groß, weil ich im Vorfeld schon viel wusste und bereits einige Berührungspunkte mit dem Autor hatte. Denn John le Carré ist natürlich kein Unbekannter für mich, ich weiß, dass er für seine Spionageromane berühmt ist, viele seiner Werke wurden auch verfilmt – unter anderen auch das hier rezensierte Buch. „Der Schneider von Panama“ mit Pierce Brosnan und „Das Rußland-Haus“ mit Sean Connery haben sogar James Bond-Darsteller als Hauptfiguren und beide haben mir sehr gut gefallen.

Ich habe dementsprechend mit einem Roman gerechnet, der eine spannende Spionengeschichte erzählt. Ohne teuren Gadgets, die man von James Bond kennt, dafür aber mit interessanten Gesprächen, und mit Spionen, die unter der harten Schale doch menschliche Gefühle haben.

In mancher Hinsicht wurde ich auch hier nicht enttäuscht. Erzählt wird die Geschichte von Alec Leamas, eines britischen Spions, der in West-Berlin stationiert ist und von hier aus sein Netzwerk in Ost-Berlin ausbaut. Dieses Netzwerk wird jedoch zerstört, als nach und nach seine Informanten enttarnt und getötet werden. Sein Gegensacher auf der anderen Seite der Mauer ist Hans-Dieter Mundt, der von Leamas‘ Chef so charakterisiert wird:

„Er ist ein widerwärtiger Kerl. Früher bei der Hitlerjugend und diese Art Sachen. Er ist das Gegenteil des intellektuellen Kommunisten. Ein Praktiker des kalten Krieges.“

„Wie wir“, bemerkte Leamas trocken.

Leamas‘ Bemerkung ist vielleicht der wichtigste Satz in diesem Roman. Denn es geht um die Frage, ob es tatsächlich so große Unterschiede zwischen den zwei Seiten gibt. Sind die einen die „Guten“ und die anderen die „Bösen“? Oder sind diese moralischen Grenzen trotz der Mauer eher verschwommen?

Und es geht auch darum, was die Spionage mit den Spionen tut, wie sie daran zugrunde gehen:

Ich glaube, dass man in dieser Umgebung hier sehr rasch gefühllos wird. Haß oder Liebe gehören zu einer Tonleiter, die wir sehr bald nicht mehr wahrnehmen können. So wie das Ohr eines Hundes gewisse Töne nicht mehr wahrnehmen kann. Alles, was am Schluß übrigbleibt, ist eine Art Übelkeit.

Nach diesem interessanten Start kam aber eine lange Passage, die mich überhaupt nicht mitgerissen hat. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich die Grundidee durchschaut habe und deshalb über die weitere Entwicklung der Geschichte nicht überrascht war. Viele Rezensionen sprechen von Spannung und unerwarteten Wendungen, die ich nicht erlebt habe. Ich möchte hier deshalb auch nichts zur Handlung sagen, damit ich niemandem die Überraschungen wegnehme.

Das letzte Drittel des Buches fand ich aber dann richtig großartig. Die Dialoge, aber hier dann endlich auch die unerwarteten Wendungen haben mich nun doch vom Hocker gerissen und ich habe eine halbe Nacht nicht geschlafen, weil ich das Buch unbedingt zu Ende lesen wollte.

Es ist also ein gemischtes Bild, wobei das Gute am Ende doch überwiegt und ich bin froh, dass ich durch diese Challenge an dieses Buch geraten bin. Und obwohl ich bei Verfilmungen sehr vorsichtig bin (und Bücher auch generell viel viel lieber mag als Filme), bin ich in diesem Fall auch auf den Film neugierig geworden.


Diverses

Der erste Satz:

Der Amerikaner reichte Leamas noch eine Tasse Kaffe und sagte: Warum gehen Sie nicht heim und legen sich schlafen? Wir können Sie rufen, wenn er auftaucht.“

Verfilmung:

Martin Ritt, 1965 (IMDb)

Impressum:

Autor: John le Carré
Titel: Der Spion, der aus der Kälte kam
Übersetzung aus dem Englischen: Manfred von Conta
Seitenzahl: 318
Verlag: dtv
Erschienen: 1998
© Paul Zsolnay Verlag GmbH

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.