Agatha Christie: Mit offenen Karten

Die Kriminalromane von Agatha Christie lese ich jederzeit sehr gern. Sie sind trotz der darin geschilderten Morde kurzweilig, die dargestellten Figuren und Geschichten faszinierend. Sie regen zum Mitraten an, und auch wenn man am Ende doch die ganze Zeit falsch gelegen hat, sind sie nicht frustrierend, das nimmt man einfach in Kauf.

Dieses Buch fängt ganz ungewohnt mit einem Vorwort der Autorin an. Darin stellt sie fest, dass Detektivgeschichten immer öfter mit Pferderennen verglichen werden: Man muss einfach immer nur auf den Außenseiter (sprich die unverdächtigste Person) wetten, um zu gewinnen (den Täter zu erraten). Diese Geschichte hier soll aber ganz anders sein, verspricht sie.

Da ich nicht möchte, dass meine treuen Leser und Leserinnen dieses Buch angewidert in die Ecke schmeißen, ziehe ich es vor, sie im voraus darauf aufmerksam zu machen, dass dies kein solches Buch ist. Es gibt lediglich vier Teilnehmer, von denen jeder, unter den richtigen Voraussetzungen, das Verbrechen hätte verüben können. Somit scheidet der Überraschungsfaktor zwangsläufig aus.

Nicht nur das Vortwort ist ungewöhnlich an diesem Roman, auch der Lösungsansatz ist untypisch für Agatha Christie. Wir haben nämlich nicht nur vier mögliche Täter, sondern auch vier Ermittler. Alle sind sie zugegen, als der Mord passiert. Die acht Personen wurden vom später ermordeten Gastgeber zum Bridgespielen eingeladen. Einer der Ermittler ist der wohlbekannte Poirot, dessen zufälliges Treffen mit dem Gastgeber letzteren überhaupt zu diesem makabren Abend veranlasst hat. Er wollte ihm hier Mörder vorstellen, die nie gefasst wurden. So kam es dazu, dass an diesem verhängnisvollen Abend vier mutmaßliche Mörder (die für ihre Tat nie büßen mussten) und vier Detektive (auch wenn nicht alle vom Beruf das sind) zusammengekommen sind. Zum Pech des Gastgebers haben sich dabei nicht alle in Sicherheit gefühlt…

Die anwesenden vier Detektive beschließen, bei der Ermittlung mit offenen Karten zu spielen. Sie wollen sich Schritt für Schritt über die Ergebnisse ihrer Arbeit austauschen, um gemeinsam den Täter zu fassen. Diesen Aspekt fand ich besonders interessant, weil es bei Agatha Christie sonst nicht einfach ist, immer nachvollzuziehen, in welche Richtung die Ermittlung gerade geht. Poirot spricht zwar auch hier nicht jeden seiner Gedanken aus, aber trotzdem erfährt der Leser deutlich mehr, als sonst und fühlt sich mit einbezogen.

Diese Geschichte wartet mit dieser spannenden Ausgangssituation auf, die bis zum Ende sehr gut funktioniert. Wir erfahren immer mehr über die Historie der vier Verdächtigen und können uns selbst überlegen, wer zu dieser Tat in dieser Form fähig gewesen wäre. Zu wem passt so ein Mord? Wer hat bereits ähnlich getötet?

Die Schlussfolgerungen sollen auf psychologischer Ebene stattfinden, sagt Agatha Christie in ihrer Einleitung, und genau das macht nicht nur diese Geschichte, sondern auch ihre anderen Krimis so interessant. Es geht hier nicht darum, blutige Thriller zu präsentieren, es geht um die Psyche der Personen, die zu einem Mord fähig sind. Und darum, wie schwer sie manchmal von allen anderen Menschen zu unterscheiden sind.

Es bleibt trotz der eingeschränkten Zahl der Verdächtigen bis zu den letzten Seiten sehr spannend – aber mehr wird natürlich an dieser Stelle nicht verraten.


Diverses

Der erste Satz:

Mein lieber Monsieur Poirot!

Verfilmung:

In der Serie „Agatha Christie’s Poirot“ mit David Suchet in der Hauptrolle wurde 2005 in der 10. Staffel der Serie diese Geschichte verfilmt. (Für mich als Star Trek Fan noch ein interessanter Fakt, dass der ermordete Gastgeber von Alexander Siddig gespielt wird, aslo von Dr. Bashir aus der Serie Deep Space Nine)

Impressum:

Autor: Agatha Christie
Titel: Mit offenen Karten
Übersetzung aus dem Englischen: Michael Mundhenk
Seitenzahl: 250
Verlag: Atlantik
Erschienen: 2016
© Hoffmann und Campe Verlag

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