Juli Zeh: Schilf

Meine erste Begegnung mit Juli Zeh liegt viele Jahre zurück. Damals habe ich eine in Deutschland lebende Freundin gefragt, ob sie mir einen zeitgenössischen Autor empfehlen könnte, weil ich gerade nach neuem Lesestoff gesucht habe. Sie hat sofort mit Juli Zeh geantwortet und ich habe bald darauf Adler und Engel in der Hand gehalten. Es war ein sonderbares Erlebnis, da das Buch selbst eine sonderbare Mischung unterschiedlicher Genres war. Es ist eine Geschichte von Liebe, Drogen und Politk. Ich konnte damals nicht viel damit anfangen und obwohl ich mich manchmal fragte, was Juli Zeh seit damals noch geschrieben hat, habe ich nicht aktiv nach ihren Büchern gegriffen. Bis ich vor kurzem mit dem Bloggen anfing und auch auf Instagram aktiv wurde. Die letzten Bücher von Juli Zeh tauchen hier in den Postings immer wieder auf und immer mit einer sehr positiven Konnotation. Das hat mein Interesse (wieder)erweckt und nach kurzer Zeit ist Schilf bei mir gelandet.

In Schilf steht ein Wissenschaftler im Zentrum der Ereignisse, beziehungsweise gleich zwei von ihnen, und zwar zwei Physiker. Die beiden sind seit der Uni eng befreundet, obwohl ihre Lebenswege unterschiedliche Wendungen genommen haben. Der eine, Sebastian, lebt mit Frau und Sohn in Freiburg und unterrichtet Physik an der Universität. Der andere, Oskar, lebt allein in Genf und widmet sich voll und ganz der Forschung, er gehört zu den ganz Großen. Ihre Freundschaft besteht zwar noch, die Entscheidungen aber, die sie getroffen haben, lassen es immer mehr zerbröckeln, denn Oskar kann sich nur schwer damit abfinden, dass Sebastien so einen trivialen Lebensweg gewählt hat.

Eines Tages fährt Sebastian seinen Sohn in ein Ferienlager. Unterwegs hält er an und lässt seinen Sohn schlafend im Auto. Als er zurückkehrt, ist sein Auto verschwunden, samt Kind. Dann erhält er einen Anruf: er bekommt seinen Sohn zurück, aber er muss etwas dafür tun…

Ab hier nimmt das Buch eine völlig irre Wendung. Ein wenig erinnerte mich das an einige Bücher von Paul Auster, in denen ein alltägliches Leben ähnlich verrückt auf den Kopf gestellt wird. Ich war wie gebannt von dieser Geschichte, von den Figuren, die trotz aller Verrücktheit lebendig und realitätsnah geblieben sind.

Die Figur von Schilf, die der Namensgeber des Roman ist, ist mir dabei ganz besonders ans Herz gewachsen, obwohl diese Figur bis zur Hälfte des Romans gar nicht auftaucht.
Was sich teilweise nach einer Kriminalgeschichte anhört, ist in Wirklichkeit sehr viel mehr, Juli Zeh ist ihren schriftstellerischen Anfängen treu geblieben. Es geht hier um Fragen des Morals, aber auch um Philosophie und physikalische Theorien. Um Freundschaft, Liebe und Beziehungen. Das eigentliche Verbrechen spielt zwar keine unbedeutende Rolle (und eine große Frage ist dabei, was das eigentliche Verbrechen ist und wer der eigentliche Verbrecher ist), wird aber von manch einer Frage doch in den Hintergrund gedrängt. Und das macht Schilf so besonders und lesenswert. Nun bin ich tatsächlich auf mehr von Juli Zeh gespannt.


Diverses

Der erste Satz:

Im Anflug aus Südwesten, aus einer Höhe von fünfhundert Metern betrachtet, gleicht Freiburg einem ausgefransten, hellen Fleck in den Falten des Schwarzwalds.

Impressum:

Autor: Juli Zeh
Titel: Schilf
Seitenzahl: 390
Verlag: btb
Erschienen: 2009
© Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH

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