4/478 | Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley

Es gibt Bücher in meiner 478-Bücher-Challenge, auf die ich mich besonders freue, weil ich sie schon lange lesen will. Darunter sind einige Klassiker, die es bis jetzt irgendwie vermieden haben, von mir gelesen zu werden, und einige noch-nicht-Klassiker, von denen ich viel gehört habe, aber einfach nicht dazu gekommen bin, sie zu lesen. Zu letzterer Gruppe gehört Der talentierte Mr. Ripley von Patricia Highsmith.

Die Verfilmung aus dem Jahr 1999 habe ich schon mindestens dreimal gesehen, aber zunächst bin ich irgendwie nicht mal darauf gekommen, nach der Buchvorlage zu suchen. Vielleicht hatte ich Angst davor, dass das Buch nicht so gut ist, wie der Film (obwohl das nach meiner Erfahrung selten der Fall ist), oder dass es mir den Film verdirbt? Jedenfalls habe ich mich sehr darüber gefreut, als ich es in der Liste der 478 Bücher entdeckt habe und habe es schnellstens besorgt.

Meine Ängste erwiesen sich alle als unbegründet. Es ist ein unglaublich gutes Buch, das man auf keinen Fall als einfachen Krimi abtun darf. Die Grundzüge der Geschichte passen tatsächlich zu einem Krimi: vereinfacht erzählt geht es um einen jungen Mann, einen Hochstapler, der unbedingt das schöne Leben der Reichen leben möchte, auch wenn er dafür töten muss. Highsmith zeichnet dabei den Charakter des Tom Ripley mit sehr viel Gefühl, sodass man ihm fast die Daumen drückt bei seinen Morden. Wir lernen einen aus armein Verhältnissen stammenden, waisen jungen Mann kennen, der ein besseres Leben haben möchte, um keine Geldsorgen mehr zu haben und Kunst und Kultur genießen zu könne. Und er wünscht sich sehnlichst die Anerkennung anderer. Es entsteht ein zwiespältiges Gefühl im Leser, ist Ripley doch ein kaltblütiger Mörder, der es für richtig hält, in die Haut des ermordeten Freundes zu schlüpfen, als ob ihm diese bessere Leben ohne weiteres zustehen würde. Aber endlich ist er auch da, wo er immer sein wollte.

Es war unmöglich, dachte er, jemals Einsamkeit oder Überdruß zu empfinden, solange er Dickie Greenleaf war.

Dieses Gefühl wird dadurch verstärkt, dass wir nur das wissen, was Tom denkt. Er ist auch der einzige Charakter, den wir näher kennenlernen, wodurch es eigentlich natürlich ist, dass wir für die anderen Figuren wenigr Mitgefühl entwickeln können. Wir kennen sie ja nicht, und was wir wissen, wissen wir aus Toms Perspektive. Mit dieser Methode erreicht Highsmith, dass die Morde beinahe logisch erscheinen und der Leser nicht um die ermordeten trauert. Und trotzdem weiß man die ganze Zeit, dass es so falsch ist.

Wenn ich über dieses Buch nachdenke, kann ich die beiden Verfilmungen nicht unerwähnt lassen. René Clements verfilmte bereits 1960 mit dem Titel „Plein soleil“ (auf Deutsch: „Nur die Sonne war Zeuge“) das Buch, mit Alain Delon in der Rolle des Tom Ripley. Viele – für mich – wichtige Details wurden bei dieser Verfilmung nicht beachtet. Was am ehesten ins Auge sticht, ist natürlich die Wahl des Hauptdarstellers. Alain Delon ist nicht der unscheinbare Nobody, der Tom Ripley sein soll. Er sieht dafür einfach viel zu gut aus. Ein weiterer Punkt ist die eingeflochtene Liebesgeschichte, die es in dieser Form im Roman nicht gibt. Die Sexualität Ripley lässt der Roman nur erahnen, demnach ist er wahrscheinlich homosexuell, aber das wird nie direkt ausgesprochen. In diesem französischen Film scheinen sogar seine Taten in seinem Interesse an Dickies Freundin begründet zu sein. Vielleicht wäre alles andere zu der Zeit in Frankreich noch viel zu skandalös gewesen, das kann ich nicht beurteilen. Das vereinfacht aber Ripleys Motivation und nimmt der Geschichte etwas Grundlegendes weg. Schön ist jedoch die Ähnlichkeit zwischen Tom und Dickie, es wird sehr glaubhaft dargestellt, dass Tom das Leben Dickies praktisch übernimmt.

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Plein soleil (1960) mit Alain Delon. Quelle: http://www.imdb.com/title/tt0054189/mediaviewer/rm1421414144

Anthony Minghellas Version aus 1999 fand ich näher am Roman, Matt Damon ist eine sehr gute Wahl als Ripley. Hier geht die Ähnlichkeit zwischen Dickie (Jude Law) und Tom verloren. Dafür sind viele anderen Facetten des Romans anwesend, so auch eine, hier eindeutiger als im Roman dargestellte, Homosexualität Ripleys.

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The talented Mr. Ripley (1999) mit Matt Damon. Quelle: http://www.imdb.com/title/tt0134119/mediaviewer/rm284637184

Beide Filme lohnt es sich anzuschauen, aber noch eher lohnt es sich, diesen Roman in die Hände zu nehmen.


Diverses

Der erste Satz:

Tom sah zurück; er sah den Mann aus dem Green Cage treten und eilig ausschreiten.

Weitere Meinungen zum Buch:

Insofern die angeführten Rezensionen mehr vom Inhalt enthalten, als es mir vor dem Lesen des Buches lieb gewesen wäre, merke ich das an.

Annes Leselisten

Impressum:

Autor: Patricia Highsmith
Titel: Der talentierte Mr. Ripley
Übersetzung aus dem Englischen: Melanie Walz
Seitenzahl: 428
Verlag: Diogenes
Erschienen: 2002
© Diogenes Verlag AG Zürich

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