7/478 | David Mitchell: Der Wolkenatlas

Um es gleich vorweg zu nehmen: es ist eins der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll und wie ich dieses Buch am besten beschreibe. Es fällt mir so schwer, meine Gedanken in irgendeine Form zu fassen, dass ich jetzt gerade die fünfte Version dieser Einleitung verfasse. Ich versuche das jetzt in kleinen Schritten.

Worum geht es in diesem Buch? Wir haben insgesamt sechs Erzählstränge, was an sich schon außergewöhnlich ist. Dann sind diese Erzählstränge auch noch zeitlich versetzt (vom 19. Jahrhundert bis irgendwann weit in der Zukunft), und wenn das nicht reichen würde, sind sie alle in einem anderen Genre verfasst. Scheinbar gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen den Geschichten, und sie werden alle sehr plötzlich abgebrochen, ohne dass man als Leser weiß, ob sie noch fortgesetzt werden. Es lässt sich dann aber nach und nach eine klare Struktur erkennen, und als eine der Figuren über seine neuste musikalische Komposition spricht, wird gleichzeitig auch die ungewöhnliche Struktur dieses Romans dargelegt:

„Sextett für einander überschneidende Solostimmen“ […] Klavier, Klarinette, Cello, Flöte, Oboe, Violine, jedes Instrument mit einer ganz eigenen Sprache aus Tonart. Melodik und Klangfarbe. Im 1. Satz wird jedes Solo von nachfolgenden unterbrochen; im 2. Setzen sich die unterbrochenen Soli in umgekehrter Reihenfolge fort.

Musik ist das Stichwort, denn wie man es aus klassischen Kompositionen auch kennt, haben wir auch hier immer wiederkehrende Motive, die scheinbar nicht zusammenhängende Teil doch miteinander verbinden. Einfach ist es aber nicht, irgendeine Verbindung zu entdecken.

Die einzelnen Geschichten könnten nämlich kaum unterschiedlicher sein. Wir haben den amerikanischen Anwalt, der um 1850 auf einem Schiff in Ozeanien unterwegs ist und in seinem Tagebuch schreibt. Dann ist da der junge englische Komponist, der sich in den 1930er Jahren in Belgien vor seinen Gläubigern versteckt und von dort Briefe an einen (sehr sehr guten) Freund schreibt. Einige Jahrzehnte später treffen wir eine Journalistin, die in einer krimiartigen Geschichte um ihr Leben fürchten muss. In der heutigen Zeit lernen wir einen Verleger kennen, der sich plötzlich in einem Altersheim wiederfindet, obwohl er nicht pflegebedürftig ist. In der vielleicht gar nicht so fernen Zukunft wird dann ein koreanischer Klon zu Tode verurteilt, weil er ein Bewusstsein entwickelt. Die sechste Geschichte bringt uns noch weiter in die Zukunft, in eine Welt, in der der Mensch es fast geschafft hätte, sich selbst völlig auszurotten und die Erde zu zerstören.

In einem Punkt sind sich diese Geschichten sich alle ähnlich: Sie sind allesamt faszinierend. Ich habe von Geschichte zu Geschichte die gleiche Erfahrung gemacht: Ich war nach nur ein-zwei Seiten voll in der aktuellen neuen Geschichte drin und war dann traurig, als sie plötzlich zu Ende war. Nur um mich dann darüber zu freuen, wie gut die nächste Geschichte ist. Und an dieser Stelle muss ich die Übersetzung sehr loben. Die Geschichten wurden nicht nur in unterschiedlichen Genres geschrieben, sie verwenden auch immer eine ihnen eigentümliche Sprache. Der Autor ging sogar so weit, dass er auch für die in der Zukunft spielenden Erzählstränge eigene Sprachen entwarf (in der fünften werden nur neue Begriffe eingeführt, in der sechsten erhalten wir eine geniale neue Sprache, die auf die Trümmer der Sprache unserer einstigen Zivilisation baut). Eine Glanzleistung von Volker Oldenburg, die Feinheiten dieser unterschiedlichen Sprachen zurückzugeben.

Sprache, Komposition, Genres sind für mich die wichtigsten Stichworte dieses Romans, wobei neben diesen …hm, sagen wir, Äußerlichkeiten auch die Geschichten viel zum Nachdenken geben. Zivilisation, Entwicklung, Zukunft, Verantwortung… und man könnte noch einige Themen aufzählen. Es ist kein einfaches Buch, ich glaube, das lässt sich an meinen Worten erkennen. Wir bekommen keine alles erklärende Antwort am Ende, aber darum geht es hier auch nicht. Es könnte nur ein postmodernes Spiel mit der Form, mit unterschiedlichen Formen sein, aber dafür haben die Erzählstränge mit ihren Charakteren doch sehr viel Gewicht und sehr viel zu sagen.

Wie anscheinend recht viele Bücher aus meinem 478-Bücher-Projekt, wurde auch dieses verfilmt. Allerdings habe ich den Film nie gesehen, nur einmal angefangen und gleich abgebrochen, weil ich dann doch zunächst das Buch lesen wollte. Über den Film kann ich also nichts sagen, kann es mir aber schwer vorstellen, dass er all diese Facetten des Romans beibehalten konnte. Regisseure und Schauspieler lassen Gutes ahnen (siehe auf IMDb), ich werde mich mal überraschen lassen.

Eine klare Leseempfehlung also von mir, ich hoffe, das Buch findet noch viele Leser.


Diverses

Der erste Satz:

Jenseits des indischen Weilers, an einem einsamen Gestade, stieß ich auf eine Spur frischer Fußabdrücke.

Weitere Meinungen zum Buch:

Paradise for Bookworms

Schriftlichkeit

pialalama

Impressum:

Autor: David Mitchell
Titel: Der Wolkenatlas
Übersetzung aus dem Englischen: Volker Oldenburg
Seitenzahl: 668
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag
Erschienen: 2012
© Rowohlt Verlag GmbH

7 Responses

  1. Rhiannon

    Cloudatlas ist absolut genial und nichts für Menschen, die sich mit etwas komplexeren Geschichten schwer tun.
    Meines Wissens nach galt das Buch lange als unverfilmbar, wobei die Verfilmung selber nicht nur durch großartige Schauspieler, sondern auch durch eine wunderbare Umsetzung glänzt.
    Ich habe vieles gelesen, aber Cloudatlas gehört – meiner Meinung nach – zu den besten Romanen, die ich jemals in Händen hielt.

    Gefällt 1 Person

      1. Rhiannon

        Trau dich ruhig. Der Streifen ist lang, aber als Zuseher merkt man das gar nicht.
        Rechne nur damit, dass du ihn vermutlich ein paar Mal ansehen wirst, wenn du ihn wirklich verstehen willst. Das ist kein Drama, sondern spricht dafür, dass die Umsetzung äußerst gelungen ist.

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