Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore II

Das wird jetzt nicht schön. Ich kann leider nicht viel Nettes über den zweiten Teil von Haruki Murakamis neuen Roman sagen, so gern ich das gerne tun würde – ist er ja doch einer meiner absoluten Lieblingsschriftsteller. Dieses Buch hat mich jedoch schwer enttäuscht.

Aus ersten Sätzen lässt sich selten etwas ableiten, in diesem Fall fasst aber der Unterschied zwischen den ersten Sätzen von Teil I und Teil II sehr genau mein Problem mit diesem Roman zusammen. Teil I startete gleich mit einem Satz, der mich in die typische verdrehte Welt Murakamis katapultierte:

Als ich heute nach einem kurzen Mittagsschlaf erwachte, sah ich den „Mann ohne Gesicht“ vor mir.

Dafür bringt Teil II diesen langweiligen Satz als ersten:

Auch am Sonntag war herrliches Wetter.

Und übrigens lernen wir in Teil II den Mann ohne Gesicht zwar kurz kennen, zu dieser spannenden Szene kehren wir jedoch nie wieder zurück. Und das ist nicht der einzige Faden, der abreißt. Das an sich wäre aber noch kein Problem.

Um es kurz zu fassen fand ich Die Ermordung des Commendatore langweilig. Es hat mein Interesse nicht gepackt, so sehr es das auch versucht hat. Es gab auch in diesem Roman, wie von Murakami gewohnt, reichlich Ereignisse, die mit einem normalen Alltag sehr wenig zu tun haben, aber für mich erschien das alles ziemlich forciert und auch die Charaktere haben mich nicht gepackt, mit der Ausnahme des Commendatore. Der Erzählstil hat sehr viel Schuld daran, dass ich mich beim Lesen gelangweilt habe: Die vielen Wiederholungen, der langsame Erzählfluss ließen meine Gedanken immer abwandern und nach einer Weile habe ich mir nur gewünscht, dass das Buch endlich vorbei ist.

Und auch die Charaktere und die Geschichte selbst haben mein Interesse nicht so recht geweckt, den Erzähler fand ich manchmal regelrecht unsympatisch. Er ähnelt zwar stark anderen Erzählerfiguren Murakamis, aber gerade an entscheidenden Punkten gab es für mich gravierende Unterschiede. Ich mag es nun mal nicht, wenn ein Mann sich viel zu sehr mit den noch nicht vorhandenen Brüsten eines dreizehnjährigen Mädchens beschäftigt. Auch die Beziehung zur verstorbenen Schwester fand ich an manchen Punkten verstörend. Und die oft zitierte Sexszene mit der mageren Frau. Und die Traumszene mit der Ex, die praktisch eine Vergewaltigung erzählt.

Teil I war schon langsam und für Murakami auch viel zu nahe an der Realität dran, trug aber viel Versprechen in sich, und ich war sehr gespannt auf Teil II und die wohlbekannte magische Welt des Autors. Im Nachhinein kann ich nicht nachvollziehen, warum diese Geschichte in zwei Bänden erschienen ist, außer um vielleicht mehr Geld damit zu verdienen. Das passt für mich gar nicht zu Murakami, es muss also einen anderen Grund gegeben haben. Aber trotzdem ist das auch ein Punkt, der mir negativ aufgefallen ist.

Es ist zwei Tage her, dass ich das Buch beendet habe, denn ich wollte mir Zeit lassen, meine Gedanken zu ordnen und alles sacken zu lassen. Aber zwei Tage waren anscheinend nicht genug, um das Ganze ins Positive umzukehren oder auch nur um meine Enttäuschung über das neue Werk meines Lieblingsautors zu lindern.

Meine Meinung ist aber nur eine Meinung. Andere fanden auch dieses Buch gut, teilweise sogar sehr gut. Einen Auszug anderer Rezensionen habe ich gleich hier unten aufgeführt.


Diverses

Der erste Satz:

Auch am Sonntag war herrliches Wetter.

Weitere Meinungen zum Buch:

Binge Reader

masuko13

Lesen in vollen Zügen

letteratura

sarahspancake

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1001 Bücher

Impressum:

Autor: Haruki Murakami
Titel: Die Ermordung des Commendatore II (Eine Idee erscheint)
Übersetzung aus dem Japanischen: Ursula Gräfe
Seitenzahl: 489
Verlag: DuMont
Erschienen: 2018
© DuMont Buchverlag

6 Kommentare zu „Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore II

  1. Hallo ,

    danke fürs verklinken. Ich kann dir in allen Punkten zustimmen. Vor allem die Kritik mit dem 13-jährigen Mädchen und ihr Brüste. Es mag sein, dass wir es vielleicht gewohnt sein können, das solche seltsamen Stellen immer wieder in seinen Büchern vorkommen. Aber das heißt nicht, dass ich es aus diesem Grund einfach mal überlesen darf oder ein Augen zu drücken sollte. Man muss und sollte solche Stellen kritisieren. Bisher habe ich nur „enthaltene“ Stimmen dazu gelesen, oder positive Stimmen zu dem Buch allgemein, aber keiner dieser positiven Stimmen, geht auf diese Stellen ein.

    Ansonsten finde ich klasse dass du deine ehrliche Meinung sagst. Ich finde es wichtig auch Lieblingsautoren kritisieren zu dürfen und nicht schon aus Prinzip immer wieder ein Auge zuzudrücken.

    1. Danke fürs Vorbeischauen!
      Es musste in diesem Fall einfach raus. Allerdings ist es auch so, dass ich immer etwas Angst habe, Rezensionen über Bücher meiner Lieblingsautoren zu lesen, weil sie eventuell negativ sind. Ich wünsche mir, dass auch andere meine Lieblinge gern haben. Und nun diejenige zu sein, die eine negative Kritik schreibt, ist schon ein komisches Gefühl. Aber so wie du sagst, sollte man in solchen Fällen kein Auge zudrücken.
      Man darf aber auch nicht vergessen, dass wir alle Individuen sind mit unserem eigenen Geschmack. Was mir nicht gefällt, kann vielen anderen sogar richtig gut gefallen. Das finde ich eigentlich am spannendsten, wenn ich am Ende meiner Rezension angekommen andere Meinungen lese und diese oft ganz stark von meiner abweichen.

      1. Da bin ich absolut bei dir. Die meisten Rezensenten schreiben aber konstruktive Kritik. Ich lese aber schlechte Kritik mindestens genauso gerne wie gute.

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