Anja Baumheier: Kranichland

Familienromane gibt es wie Sand am Meer, aber das bedeutet noch lange nicht, dass alles gesagt wurde und dass keine guten Familienromane mehr geschrieben werden können. Auch wenn gerade die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg diesbezüglich sehr populär ist, haben gute (und gut erzählte) Geschichten ihre Berechtigung.

So auch der Debütroman von Anja Baumheier, der die die Geschichte der Familie Groen über eine Zeitspanne von beinahe 80 Jahren erzählt. Abwechselnd sind wir im Heute (2012) und im Damals (1936-2000), und zusammen mit den Protagisten erfahren wir dabei immer mehr über die jahrzehntelang streng gehüteten Geheimnisse der Groens.

Im Heute erfährt Theresa plötzlich von einer Erbschaft: ihre Schwester Marlene hat ihr und einem unbekannten Mann ein Haus in Rostock vererbt. Das einzige Problem damit ist, dass Marlene eigentlich schon seit Jahrzehnten tot ist und das Haus in Rostock längst verkauft. Theresa geht der Sache nach und lernt während ihrer Nachforschungen immer mehr über ihre Familie und deren Geschichte. Mehr, als es ihr eigentlich lieb ist.

Wir Leser sind ihr dabei, dank der Ausflüge in die Vergangenheit, ein paar Schritte voraus, und können mit wachsender Spannung beobachten, wie die Wahrheit auf die einzelnen Familienmitglieder wirkt. Wir lernen zunächst Johannes kennen, der sich nach einer Familientragödie bereits ganz jung allein im Leben durchschlagen muss. Auf der Flucht aus Schlesien landet er mit vielen anderen Flüchtlingen gegen Ende des Zweiten Weltkriegs schließlich in Rostock. Er sehnt sich endlich nach einer eigenen Familie, als er hier Elisabeth kennenlernt und kurze Zeit darauf heiratet.

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Flüchtlinge aus den Ostgebieten 1945. Quelle: akg-images

Die junge Familie lebt später in Ost-Berlin, wo Johannes als überzeugter Parteimann für die Stasi arbeitet. Tochter Charlotte himmelt ihren Vater an und tritt in seine Fußstapfen, die jüngere Tochter, Marlene, hat andere Pläne und will die DDR verlassen. Das leitet eine Serie tragischer Entscheidungen ein, die viel Leid mit sich bringen.

Baumheier überzeugt nicht nur mit einer mitreißenden Geschichte, ihre Sprache macht das Lesen zu einer echten Freude. Sie lässt auch viele historischen Details in die Erzählung mit einfließen, womit sie auch ihre gründliche Recherche unter Beweis stellt. Denn obwohl sie selber im Osten geboren ist, durfte sie nicht so viel davon erlebt haben, um all diese Details zu kennen – sie war erst 10, als die Mauer abgerissen wurde.

Ein Gemälde wird im Laufe der Geschichte immer wieder erwähnt, Das Schokoladenmädchen (La Belle Chocolatière de Vienne – es lohnt sich, diesen Wikipediaeintrag zu lesen) von Jean-Étienne Liotard. Schon wieder ein Gemälde, an dem ich in Dresden einfach vorbeispaziert bin, aber nun habe ich es natürlich gegoogelt und gefunden:

Baumheier_Jean-Etienne_Liotard_-_Das Schokoladenmädchen

Obwohl es im Roman einige wenige logische Fehler gibt, stören diese die Geschichte nicht allzu stark, und wenn man am Ende ankommt, hat man diese Patchwork-Familie richtig liebgewonnen. Als ich das Buch zuklappte, hatte ich das Gefühl, diese Leute persönlich zu kennen – und nicht nur das, ich hätte gerne gewusst, wie es mit ihnen weiterging. Anja Baumheier kreierte echte, lebendige Menschen, die ich in Berlin gerne mal besuchen würde, und ich hoffe ein bisschen, dass sie in späteren Werken noch mal zu ihnen zurückkehrt. Aber auch wenn nicht, ich bin jedenfalls sehr gespannt auf ihr nächstes Buch. Denn dass sie noch weitere Bücher schreiben wird (muss), steht für mich außer Frage.

 


An dieser Stelle möchte ich mich beim Rowohlt Verlag  ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken.
Der erste Satz:

Endlich acht.

Weitere Meinungen zum Buch:

Zeilenliebe

Aufgeblättert

Lesen und Hören (Hörbuch)

Impressum:

Autor: Anja Baumheier
Titel: Kranichland
Seitenzahl: 429
Verlag: Wunderlich
Erschienen: 2018
© Rowohlt Verlag GmbH

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