György Dalos: Der letzte Zar

Die Geschichte der Romanows wurde in zahlreichen Büchern erzählt, die Geschichte des letzten Zars, Nikolaus II., steht dabei sehr oft im Fokus. Kein Wunder: sein Niedergang markiert das Ende einer Ära, und die Ermordung seiner ganzen Familie, besonders die seiner Kinder lässt sich mit politischen Motiven nur schwer erklären. Bis heute beschäftigen diese Ereignisse nicht nur Historiker, sondern auch interessierte Laien. Warum hat der Schriftsteller und Historiker György Dalos die Anzahl der Bücher über Nikolaus II. vermehrt? Ich denke, die Erklärung dafür liegt in seinem Lebenslauf.

György Dalos ist mein Landsmann, und ist im gleichen Jahr geboren, wie mein Vater (1943), seine jüdische Abstammung führte aber dazu, dass sein Leben anders begann, als das meines Vaters: Sein Vater wurde in ein Arbeitslager gebracht und starb 1945 an den Folgen einer dort zugezogenen Krankheit. Da auch seine Mutter sehr oft krank war, ist er praktisch ohne Eltern aufgewachsen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Ungarn kräftig am Sozialismus gebaut, ob man es wollte oder nicht. Wer anders dachte, als es erwartet wurde, musste mit den Folgen rechnen. Dalos wurde als Linksradikaler 1968 (was für ein Jahr!) zu einer Haftstrafe verurteilt, die zwar zur Bewährung ausgesetzt wurde, publizieren durfte er aber nicht mehr. Wie vielen anderen Schriftstellern zu der Zeit blieb ihm nichts anderes, als einer Tätigkeit als Übersetzer nachzugehen. Er blieb jedoch auch politisch aktiv in der sich im Untergrund formierenden demokratischen Opposition in den 70er Jahren. Seit Ende der 70er publizierte er in der BRD und ab 1985 arbeitete er in Bremen. Er kehrte später zwar noch kurz nach Budapest zurück, ab 1987 lebte er jedoch in Wien, seit 1995 lebt er nun in Berlin.

Ein Leben, das durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Einer der wichtigsten Wendepunkte des 20. Jahrhunderts stellt das Ende des Zarenreichs in Russland dar, mit der Machtergreifung der Bolschewiken.

Ob sich die Geschichte anders entwickelt hätte, wenn Russland Anfang dieses Jahrhunderts einen Zar gehabt hätte, der so stark ist, wie viele seiner Vorgänger? Denn Nikolaus II. war nicht stark, so stellt ihn zumindest Dalos dar:

Nikolaj Romanow litt an einer beinahe physischen Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen und deren Konsequenzen auch bis zum bitteren Ende zu tragen.

Aber mir stellte sich auch eine andere Frage, als ich dieses Buch in die Hände nahm: Was kann man auf nur 230 Seiten zu einer Geschichte hinzufügen, die so oft verarbeitet wurde? Für mich als Laien, der sich mit der Geschichte des letzten Zaren bisher nicht sonderlich befasst hat, hat er damit auf jeden Fall einen guten Einblick in das Leben von Nikolaus II. gegeben und auch eine Erklärung für den Niedergang der Dynastie (obwohl ich diese für viel zu vereinfacht hielt). Trotzdem hatte ich oft das Gefühl, dass es an Tiefgang fehlt, was bei diesem Umfang auch nicht verwunderlich ist.

Der Schreibstil ist sehr gut, Dalos nimmt den Leser von Anfang an mit auf die Reise in diese Geschichte, allerdings brachte er mich auch immer wieder zum Stehen, wenn er etwas zitierte oder sich auf Aussagen anderer berief, und ich gerne die Quelle gewusst hätte. Das Problem? Außer einer Literaturliste, die auch nur eine Auswahl ist, weil „zahlreiche Quellen aus dem Internet“ verwendet wurden (was für mich keine ausreichende Erklärung ist, man kann doch auch Webseiten als Quellen angeben), gibt es kein Quellenverzeichnis, Zitate können somit nicht eindeutig eingeordnet werden.

Dafür gibt es im Anhang Anmerkungen zu bestimmten Textteilen, die zwar das Fehlen eines Quellenverzeichnisses nicht gutmachen, aber trotzdem vielleicht den besten Teil des Buches bilden mit teils skurrilen Informationen, wie zum Beispiel diese Notiz über Alexander Puschkin:

Für die Gründlichkeit oder Langsamkeit der Geheimpolizei spricht die Tatsache, dass die Observierung des größten russischen Dichters erst 1875, also 38 Jahre nach seinem Tod offiziell beendet wurde.

Mein Fazit: für alle, die sich für diesen Teil der Geschichte interessieren, aber vorerst nur reinschnuppern wollen, kann ich dieses Buch gerne empfehlen. Wer aber mehr wissen möchte (oder eventuell schon reichlich über Vorwissen verfügt) und dabei auch das gute Gefühl haben möchte, die Quellen nachschlagen zu können, für den ist dieses Buch nicht geeignet.


An dieser Stelle möchte ich mich beim C.H. Beck Verlag  ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken.
Der erste Satz:

Die Dynastie Romanow, wichtige Protagonisten ihrer mehr als dreihundert Jahre währenden Herrschaft, einzelne Zarinnen und Zaren sowie schließlich das Ende ihrer Ära sind in schier endlos vielen Büchern beschrieben worden – von klassischen historischen Arbeiten bis hin zu primitiven Kolportagen.

 

Impressum:

Autor: György Dalos
Titel: Der letzte Zar
Seitenzahl: 231
Verlag: C.H. Beck
Erschienen: 2018
© Verlag C.H. Beck oHG

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