Alexander Münninghoff: Der Stammhalter – Roman einer Familie

Laut Untertitel erzählt Alexander Münninghoff den Roman einer Familie, es geht jedoch um seine eigene Familie und die Geschichte hört sich nicht nach einem Roman an, eher nach einer Autobiographie (und laut Klappentext geht es tatsächlich um eine wahre Geschichte). Trotzdem fehlt es in dieser sich über drei Generationen spannende Geschichte aus dem 20. Jahrhundert nicht an romanhaften Schicksalen. In dieser Familie dreht sich alles um Geld geht und um Rollen, die die Familienmitglieder spielen müssen. Nur der Liebe wird keine Rolle zuteil.

Alexander Münninghoffs Großvater war ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann. In den Niederlanden geboren und aufgewachsen, verschlug es ihn 1917 nach Riga, wo er heiratete und sich niederließ. Er ist hier zu einem der reichsten Männer geworden. Seinen Erstgeborenen schickte er in den Niederlanden zur Schule, der hatte jedoch nichts für die Niederländer übrig. Er fühlte sich eher Deutschland und Russland verbunden.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, rettete der alte Münninghoff Familie und Habseligkeiten in die Niederlande, Frans, sein ältester Sohn sah jedoch die Zeit gekommen, sich endlich von der Familie abzusetzen und sich denen anzuschließen, die er bewunderte. Er trat trotz aller Versuche seiner Familie, ihn davon abzuhalten, der Waffen-SS bei.

Diese Entscheidung trieb eine tiefe Kluft zwischen ihn und seinen Vater, und der Krieg entfremdete ihn schließlich nicht nur von seinen Eltern und Geschwistern, sondern auch von seiner Frau und seinem kleinen Sohn. Die Wunden konnten nie wieder geheilt werden. Also musste sich der alte Münninghoff nach einem neuen „Stammhalter“ umsehen, den er in seinem Enkel, Alexander Münninghoff fand.

Der Enkel muss eine Lücke füllen, koste es, was es wolle. Die Familienmitglieder sind dabei Spielfiguren eines Brettspiels, dessen Regeln vom Großvater geschrieben werden. Dass dabei zum Beispiel ein Kind von seiner Mutter rücksichtslos getrennt wird, entspricht in diesem makabren Spiel den Regeln. Der Großvater stellt die Figuren nach seinem Belieben um, so wie es seinen Vorstellungen entspricht. Während Frans dagegen noch rebellieren konnte, kann Alexander sich nur fügen.

Es ist eine teilweise sehr herzzerreißende Geschichte, die von Alexander Münninghoff aber sehr distanziert erzählt wird. Anders wäre es wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen, über diese Kindheit zu erzählen, das Ganze aufzuarbeiten. Trotz dieser Distanziertheit kann man dieses Buch nicht lesen, ohne mitgerissen zu werden und tiefstes Mitgefühl für Münninghoff zu empfinden. Diese Diskrepanz zwischen Erzählstil und Geschehen macht dieses Buch zu einem besonderen Erlebnis, das noch lange nachwirkt.


Diverses

An dieser Stelle möchte ich mich beim C.H. Beck Verlag  ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken.
Der erste Satz:

Was ich an einem leeren Nachmittag auf dem Dachboden unseres Hauses in Voorburg fand, brachte mich zum ersten Mal mit den Geheimnissen in Berührung, die mein Leben beherrschen sollten.

Weitere Meinungen zum Buch:

Lesefreude

Fixpoetry

Impressum:

Autor: Alexander Münninghoff
Titel: Der Stammhalter
Übersetzung aus dem Niederländischen: Andreas Ecke
Seitenzahl: 334
Verlag: C.H. Beck
Erschienen: 2018
© C.H. Beck oHG

2 Kommentare zu „Alexander Münninghoff: Der Stammhalter – Roman einer Familie

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