Cixin Liu: Der dunkle Wald

Als ich über den ersten Band der Trisolaris-Trilogie „Die drei Sonnen“ geschrieben habe, war ich nicht sonderlich begeistert. Und auch wenn mir viele Aspekte der Geschichte zugesagt haben, schloss ich meine Rezension mit diesem Satz:

Dies ist der erste Teil der Trisolaris-Trilogie, ich bin mir aber noch nicht sicher, ob ich die zwei weiteren Bücher lesen werde.

Nun stehe ich hier, habe Band 2 der Trilogie beendet… und kann kaum erwarten, endlich den dritten Band in der Hand zu halten. Wie ist es dazu gekommen?

Die Geschichte hat mich nicht losgelassen. Ich habe über die Monate gemerkt, dass ich in Gedanken immer wieder dazu zurückkehre, dass ich den Planeten der Trisolarier nicht vergessen kann und in Gesprächen gerne darüber erzähle. Trotzdem war ich unsicher, was die Fortsetzung anging, und deshalb habe ich mich nach langem hin und her dazu entschlossen, in diesem Fall es mit der Hörbuchfassung zu versuchen. Ich habe bis jetzt nie Hörbücher gehört, es war also eine gewagte Entscheidung, die letztendlich aber doch den letzten Schub gab.

Sobald ich das Hörbuch angefangen habe, hatte ich das Gefühl, hier einem anderen Schriftsteller zu begegnen, als in Die drei Sonnen. Das kann zwar auch an der Stimme von Mark Bremer liegen, die sich jeder neuen Person angepasst hat, sodass ich die Figuren vor meinen Augen sah – eine ungeheure schauspielerische Leistung! Allerdings denke ich auch, dass Cixin Liu sich in diesem Roman von seiner lyrischeren Seite zeigt. Gleich die allererste Szene, die auf einem Friedhof spielt und aus der Sicht einer Ameise erzählt wird, ist einfach genial. Wie auch die längere Geschichte über die Traumfrau von Luo Ji.

Bald musste ich allerdings feststellen, dass Hörbücher nicht so recht für mich sind, außer ich kann gerade tatsächlich nichts anderes machen, als den Kopfhörer auszusetzen und mir etwas anzuhören. Sonst ist mir das einfach zu passiv. So musste also auch das Buch her – und damit entstand ein ganz sonderbares aber auf jeden Fall gutes Leseerlebnis, wo ich teils parallel das Hörbuch gehört und das Buch gelesen habe, teils nur das Hörbuch unterwegs gehört habe, um dann abends das Lesen im Buch fortzusetzen. Und bei einem Buch, das man nicht aus der Hand legen kann, ist das wahrscheinlich das Maximum, das man erreichen kann: immer in jeder Situation die Möglichkeit zu haben, weiterzulesen.

Das alleine wäre schon ein Erlebnis, das ich nie vergesse, aber die Hauptrolle spielt natürlich auch weiterhin der Roman von Cixin Liu, der für mich ab sofort zu den besten der Science-Fiction gehört. Ich bin mit der Foundation-Trilogie (plus den weiteren Bänden) von Asimov aufgewachsen, und das ist für mich der Gipfel dieses Genres. Cixin Liu hat hier etwas geschafft, das in der gleichen Liga spielt.

Im ersten Teil haben wir von der Existenz der Trisolarier erfahren und auch sie über die Existenz der Erde. Da das Leben auf Trisolaris dank den drei Sonnen nie langfristig bestehen bleiben kann, sehen die Trisolarier in der Erde die Lösung: auf diesem Planeten könnten sie endlich immer in einem stabilen Zeitalter leben. Die Menschen? Die muss man dafür natürlich auslöschen. Also schicken die Trisolarier tausend Raumschiffe los, die in vierhundert Jahren die Erde erreichen und hier jedes Leben auslöschen.

Die Geschichte setzt an diesem Punkt ein. Was kann die Erde in 400 Jahren tun, um den Planeten zu retten, wo doch die Trisolarier jede Entwicklung in der theoretischen Physik unmöglich gemacht haben? Haben die Trisolarier einen Schwachpunkt, den die Menschen ausnutzen könnten? Und kann man unter diesen Umständen überhaupt daran glauben, dass die Menschheit gegen so einen überlegenen Feind eine Chance hat?

Das Buch erzählt über eine Zeitspanne von ein paar hundert Jahren, wie die Menschheit diese Fragen beantwortet, oder zumindest zu beantworten versucht. Die Technik des Kälteschlafs ermöglicht es den Menschen, sich in die Zukunft zu „schicken“, wodurch Ideen und Ideologien in eine sich unter den außergewöhnlichen Umständen immer mehr verändernde menschliche Gesellschaft retten lassen. Es ist aber gar nicht so einfach, mit dem Wissen zu leben, dass in vierhundert Jahren alles menschliche Leben vorbei sein kann. Manche versuchen weiterhin ihr unbekümmertes Leben zu leben, andere sind völlig verzweifelt, wiederum andere glauben nicht an der Gefahr, und viele denken, dass dieses Problem nicht sie, sondern die Menschen der Zukunft betrifft. Die Trisolarier haben auch hier weiterhin ihre Anhänger, die die Invasion unterstützen und für die Menschheit keine Zukunft mehr sehen.

Cixin Liu zeigt in diesem Roman viel Phantasie, eine wunderschöne Sprache, und die Fähigkeit, unvergessliche Charaktere zu zeichnen (letzteres habe ich im ersten Teil besonders vermisst). Ich bin sehr froh, meine Zweifeln nach dem ersten Band überwunden zu haben, dieses Buch ist definitiv eins der großen Highlights meines Lesejahres.


Diverses

An dieser Stelle möchte ich mich beim Bloggerportal ganz herzlich für das Rezensionsexemplar (in diesem Fall ein Hörbuch) bedanken.
Der erste Satz:

Die braune Ameise hatte schon vergessen, dass sie hier einmal zu Hause war.

Weitere Meinungen zum Buch:

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Impressum:

Autor: Cixin Liu
Titel: Der dunkle Wald
Übersetzung aus dem Chinesischen: Karin Betz
Seitenzahl: 784
Verlag: Heyne
Erschienen: 2018
© Wilhelm Heyne Verlag

3 Kommentare zu „Cixin Liu: Der dunkle Wald

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