Eric H. Cline: 1177 v. Chr.

Die Spätbronzezeit sah das Florieren der ersten großen Zivilisationen – und sah ihren Untergang, auf den ein dunkles Zeitalter für ca. 150-300 Jahre folgte. Was ist passiert, warum sind diese Zivilisationen nach Jahrhunderten der Entwicklung auf einmal verschwunden? Die Antwort auf diese Frage lautet im Geschichtsunterricht seit vielen Jahrzehnten ganz simpel: es waren die marodierenden Seevölker. Aber ist die Antwort tatsächlich so einfach? Oder gab es doch andere Gründe für den Untergang solcher Zivilisationen, wie die der Mykener, Zyprer, Hethiter oder Kanaaniter?

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Quelle: https://imgflip.com/i/1cwfgx

Dieser Frage geht der Archäologe Eric Cline in seinem Buch 1177 v. Chr. nach (über ein weiteres Buch von ihm, Versunkene Welten, habe ich hier geschrieben). Und er hat mehrere Gründe für diese Nachforschung: einerseits ist die Antwort viel zu einfach, um so einen Wandel in der Geschichte zu erklären, andererseits gibt es bis heute keine eindeutigen Beweise dafür, dass tatsächlich die Seevölker diesen Untergang bewirkt haben.

Zunächst zeichnet Cline das Bild der damaligen Zeit auf. Es war eine auf verblüffende Art und Weise globalisierte Welt mit Handelsrouten und einem komplizierten Geflecht von Beziehungen zwischen den einzelnen Zivilisationen. Er zitiert dabei aus dem Briefwechsel der damaligen Herrscher, die den anderen mal unverschämt um Geld bitten, mal eine Tochter oder einen Sohn zum Heiraten anbieten oder Nichtangriffspakte schließen.

Cline_1177 v. Chr._Karte

Nach und nach zeigt er dem Leser die Gründe, die für den Untergang dieser Zivilisationen genauso in Frage kommen, wie die berüchtigten Seevölker. Dürre, Hungersnot, interne Rebellionen oder Erdbeben könnten es ebenso gewesen sein – aber Beweise dafür, dass eine dieser Katastrophen diese blühende, globalisierte Welt auslöschen konnte, gibt es nicht. Es gibt aber Beweise dafür, dass all diese Katastrophen in dieser Zeit an unterschiedlichen Punkten und in unterschiedlichem Maße tatsächlich eingetroffen haben und zahlreiche Leben gefordert haben.

Wer also eine klare Antwort haben möchte, wird sie aus diesem Buch nicht erhalten. Es wäre aber auch eine Sache der Unmöglichkeit, nach über 3000 Jahren eindeutige Beweise zu finden. Es lässt sich jedoch vieles vermuten. Zur damaligen Zeit war Zinn (unabdingbar für die Herstellung von Bronze) ein ebenso wichtiges und nur über lange Handelswege erhaltbares Produkt, wie für unsere heutige Welt das Öl eines ist. Wäre also irgendetwas passiert, was die Handelsrouten unterbrochen hätte, hätte alleine das schon weitreichende Folgen gehabt.

Wenn man sich vorstellt, dass in dieser zwar globalisierten, aber aus heutiger Sicht doch kleinen Welt an einer Stelle ein Krieg wütet, anderswo interne Unruhen das Königshaus stürzen, wiederum anderswo ein Erdbeben die Städte zugrunde richtet, kann man sich leicht vorstellen, dass eine Kombination unterschiedlicher Katastrophen sehr wohl dazu führen kann, dass Handelsrouten zusammenbrechen, Städte verschwinden, Heere geschwächt werden – und die Reihe ließe sich noch fortsetzen. Und klar, einige dieser Katastrophen lassen sich überleben, aber wenn es zu viel wird, kommt der Punkt, an dem niemand mehr da ist, um die Stadt wieder aufzubauen.

Cline erzählt über diese Zeit im von ihm gewohnten lockeren Stil, sodass auch Laien seinen Ausführungen gut folgen können und sogar noch Spaß beim Lesen haben. All das wird mit einem umfangreichen Quellennachweis unterstützt, was Interessierten eine weitere Vertiefung im Thema ermöglicht.

 


Diverses

An dieser Stelle möchte ich mich bei der wbg ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken. Und möchte dabei nicht unerwähnt lassen (nicht, weil ich dafür irgendetwas bekomme, sondern weil ich es toll finde), dass man bei der wbg Mitglied werden kann und für einen kleinen jährlichen Beitrag eine Kulturcard erhält, mit der man viele Museen günstiger besuchen kann.
Der erste Satz:

Als die Krieger die Bühne der Weltgeschichte betraten, kamen sie schnell voran und brachten Tod und Verwüstung über das Land.

Impressum:

Autor: Eric H. Cline
Titel: 1177 v. Chr. – Der erste Untergang der Zivilisation
Übersetzung aus dem Englischen: Cornelius Hartz
Seitenzahl: 336
Verlag: wbg Theiss
Erschienen: 2018
© wbg

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