Marcel Reich-Ranicki: Meine Geschichte der deutschen Literatur

Bis vor etwa zwei Jahren wusste ich von Marcel Reich-Ranicki lediglich, dass er ein ganz großer Literaturkritiker war. Dann habe ich Mein Leben gelesen (die Autobiographie Reich-Ranickis), und plötzlich war er zu einem Menschen zum Anfassen geworden. Damals gab es den Blog noch nicht, so kann ich hier leider nicht auf meine Rezension verweisen, meine Leseempfehlung muss ich hier an dieser Stelle aber unbedingt aussprechen. Ein großartiges Buch über ein interessantes Leben, über einen Menschen, für den Bücher und die deutsche Sprache und Literatur schon als Kind eine große Bedeutung hatten – auch nachdem er in Polen die Schrecken der Warschauer Getthos miterleben musste.

Sowohl in seiner Autobiographie als auch in seinen Kritiken pflegte er eine für jeden verständliche Sprache (und Humor), was nicht von jedem Literaturkritiker gesagt werden kann. Es macht mir deshalb immer Spaß, seine Texte zu lesen. In freudiger Erwartung nahm ich deshalb auch sein posthum erschienenes Buch, Meine Geschichte der deutschen Literatur in die Hand. Ich war überrascht, dass er eine Literaturgeschichte geschrieben hat, es hat sich jedoch bald herausgestellt, dass der Titel des Buches an dieser Stelle etwas irreführend ist. Es geht hier um eine Sammlung seiner Essays und Reden, die vom Herausgeber des Buches, Thomas Anz, in den Kontext einer Literaturgeschichte gestellt wurden. Das heißt, die Texte gliedern sich je nach ihrem Thema in eine chronologische Reihenfolge, angefangen bei einigen wenigen Texten, die sich auf das Mittelalter (bzw. die deutsche Literatur des Mittelalters) beziehen, bis zu Patrick Süskind. Insgesamt haben das 19. und das 20. Jahrhundert das größte Gewicht, was im Endeffekt nicht überrascht.

Das heißt auch, dass die in dieser Sammlung dargestellten Texte keinesweges eine Literaturschgeschichte erzählen wollen. Es geht teilweise um einzelne Werke der Autoren (z. B. um Klaus Manns Mephisto) oder (und das kommt viel öfter vor) um bestimmte Aspekte in ihrem Werk (wie das Frauenbild Kafkas und seine Beziehung zu seiner Schwester, Ottla), wobei durchaus viele Autorenporträts ihren Weg in diese umfassende Sammlung gefunden haben. Die Texte sind alle relativ kurz, manchmal für mein Empfinden auch zu kurz.

Nachdem mir all das klar geworden ist, hat sich auch meine Herangehensweise an dieses Buch geändert, und statt es wie eine Literaturgeschichte von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen, habe ich mir immer wieder je nach Laune und aktuellem Interesse Texte ausgesucht und diese gelesen. Und wurde bei keinem einzigen enttäuscht, obwohl ich auch feststellen musste, dass ich viel zu wenig über viele dieser inzwischen zu Klassikern gewordenen Autoren weiß, um mit Reich-Ranicki ernsthaft mitreden zu können (und das hätte ich bei seinem lebendigen Ton doch so gerne getan!). Das ist zwar keine große Entdeckung, ermahnt mich aber schon wieder dazu, mich mehr mit Autoren zu befassen, deren Werke unsere Gegenwartsliteratur geformt haben. Trotz dieses oft fehlenden Wissens sind die Essays unterhaltsam und geben viel auf den Weg mit.

Es ist definitiv ein Buch, das ich öfter aus dem Regal nehmen werde, vor allem dann, wenn ich gerade ein Buch von dem jeweiligen Autor gelesen habe. Meine Empfehlung ist also sich vom etwas irreführenden Titel nicht allzu sehr enttäuschen zu lassen und die deutsche Literatur immer wieder mal durch die Augen Reich-Ranickis zu betrachten.


Diverses

An dieser Stelle möchte ich mich beim Bloggerportal ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken.
Der erste Satz:

Mit dem Herzen hat es eine eigene Bewandtnis.

Weitere Meinungen zum Buch:

aboutbookscoffeeandcats (der beste Blogtitel der Welt?)

Impressum:

Autor: Marcel Reich-Ranicki
Titel: Meine Geschichte der deutschen Literatur
Seitenzahl: 576
Verlag: Pantheon
Erschienen: 2016 (die erste Auflage bei Pantheon)
© 2014 by Deutsche Verlags-Anstalt

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