John Wray: Das Geheimnis der verlorenen Zeit

Dieses Buch musste ich einfach lesen. Das war mir klar, als ich diesen Klappentext gelesen habe:

Ein Gurkenfabrikant und Hobbyphysiker entdeckt das Geheimnis der Zeit – und der Zeitreise! Leider geht es gleich wieder verloren. Drei Generationen später forscht sein Urenkel Waldemar Tolliver dem Familiengeheimnis nach. So beginnt ein großer, turbulenter Roman, der vom Wien der Jahrhundertwende bis ins Manhattan der Gegenwart führt, von der ersten Dimension bis in die vierte.

Dann habe ich den Fehler gemacht, die Bewertungen zum Buch auf Goodreads zu lesen. Und die hatten es in sich. Für die einen war es das beste Buch, das sie je gelesen haben, ein Meisterwerk. Für die anderen ungenießbar, langweilig, sinnlos.

Immerhin wusste ich, dass die wenigsten neutral an diesem Buch vorbeigehen können, was in meinen Augen ein gutes Zeichen ist.

Das Buch setzt im Gegenwart ein, das jüngste Mitglied der Familie Tolliver, Waldemar, sitzt in einer Zeitblase fest und nutzt seine nun nicht mehr voranschreitende Zeit dafür, seiner angebeteten Mrs. Haven seine Familiengeschichte zu erzählen – das ist das Buch, das wir in der Hand halten.

Und diese Familienchronik hat es wirklich in sich. Wie man bereits aus dem Klappentext erfährt, hat der Urgroßvater eine unglaubliche physikalische Entdeckung gemacht, die aber gleich darauf verloren gegangen ist. Zunächst machen sich seine Söhne auf die Suche nach der Lösung. Anfang des 20. Jahrhunderts verlassen beide das tschechiche Znojmo (und übrigens auch ihre Mutter), um in Wien Physik zu studieren. Über die Jahre entfernen sich die Brüder immer mehr voneinander. Kaspar distanziert sich von ihrer Forschung, während Waldemar immer fanatischer wird und letztendlich in der Nazizeit die Gelegenheit bekommt, seine Experimente an Menschen durchzuführen.

Dass unser Erzähler ebenfalls Waldemar heißt, ist kein Zufall. Für ihn heißt es, dass er den Kriegsverbrecher der Familie, der ja eigentlich schon längst tot ist, für immer erledigen muss. Wie er das bewerkstelligen soll, ist ihm aber unklar – er wird aber seine Gelegenheit bekommen.

Die Geschwister von Waldemars Vater, die Zwillinge Enzian und Gentian haben auch große Pläne, aber diese sind weniger durschaubar und werden erst am Ende des Buches klar. Waldemars Vater, Orson, will sich, ähnlich wie schon sein Vater, Kaspar, vom Familiengeheimnis loslösen.

Neben der Geschichte seine Familie und ihrer Suche nach dem Geheimnis des Urgroßvaters erzählt Waldemar auch über seine unglückliche Liebe zu Mrs. Haven.

Es gibt im Roman also viele Figuren, viele Erzählstränge, und allein schon die Tatsache, dass Wray keinen dieser Bälle auf den Boden fallen lässt, ist schon eine Kunst. Dabei sind Geschichte und Figuren nie langweilig, allerdings auch nie ganz dreidimensional. Die allesamt sonderbaren Namen machen es auch schwer, die Personen nicht als Figuren eines Romans wahrzunehmen. So wird zum Beispiel die Mutter, die eigentlich Ursula heißt, Kraut genannt (warum nur?), dann gibt es eine Person, die Nayagünem Menügayan heißt, die große Liebe wird fast nie anders, als Mrs. Haven genannt und die Reihe ließe sich noch fortsetzen.

Wenn man aber so viel Murakami gelesen hat, wie ich, kommt man doch recht gut mit unglaublichen Figuren und Wendungen zurecht. Wir sind in Wien und in New York, in bekannter Umgebung, aber wir sind auch fähig in der Zeit zu reisen, und dafür müssen wir uns nur in eine Holzkiste setzen? Warum auch nicht?

Trotzdem bin ich am Ende doch etwas unschlüssig mit meiner Bewertung. Ich fand das Buch nie langweilig, es konnte mich aber auch nicht so sehr hinreißen, dass ich es für das beste Buch halten würde, das ich je gelesen habe. Es gab viele sehr interessante Ideen (zum Beispiel die mit dem Vater, der aus einem Sci-Fi Autor zum Gründer einer Sekte wird), ich konnte aber gerade mit unserem Erzähler nicht so richtig warm werden.

Ich kann mir durchaus vorstellen, das Buch in einigen Jahren noch einmal zu lesen, in der Hoffnung, dass es sich mir dann besser erschließt. Und kann es jedem gerne empfehlen, der nicht davor zurückschreckt, über eine Familie zu lesen, deren Mitglieder allesamt entweder unglaublich genial oder völlig verrückt waren.


Diverses

An dieser Stelle möchte ich mich beim Rowohlt Verlag ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken.
Der erste Satz:

 Liebe Mrs. Haven,

um 8:47 Uhr EST bin ich heute Morgen aufgewacht und fand mich von der Zeit ausgeschlossen.

Impressum:

Autor: John Wray
Titel: Das Geheimnis der verlorenen Zeit
Übersetzung aus dem Englischen: Bernhard Robben
Seitenzahl: 734
Verlag: Rowohlt
Erschienen: 2018
© 2016 by Rowohlt Verlag

Ein Kommentar zu „John Wray: Das Geheimnis der verlorenen Zeit

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