Sacha Batthyány: Und was hat das mit mir zu tun?

Zunächst eine kleine Erklärung zum Coverbild: Dieses Buch stand jetzt schon seit zwei Jahren bei mir im Regal, damals habe ich es noch auf Ungarisch gekauft. Obwohl es sehr viele ungarische Bezüge hat und der Autor ungarischer Abstammung ist, hat er das Buch auf Deutsch verfasst, und nun habe ich es in ungarischer Übersetzung gelesen.

In Ungarn kennt ausnahmlos jeder den Namen Batthyány (auch wenn man mit der Schreibweise sicherlich zu kämpfen hat). Mitglieder dieser Familie haben unsere Geschichte geprägt, heute erinnern Straßen, Plätze und andere öffentlichen Orte an sie. Als ich gehört habe, dass es in diesem Buch darum geht, dass ein Nachfahre der Batthyánys etwas Entsetzliches über seine Familie erfährt, war der Gedanke, dass Mitglieder dieser Familie etwas verbrochen haben, schwer mit meiner Vorstellung von ihnen zu vereinen. Aber es hat mein Interesse geweckt.

Der in der Schweiz aufgewachsene Sacha Batthyány arbeitet als Journalist. Eines Tages bekommt er von einer Kollegin einen Artikel zu lesen, in dem es zu seiner Überraschung um seine Tante geht, die 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, eine Party in ihrem Schloss in Rechnitz gefeiert hat, bei der es an einem Punkt zur Ermordung von 180 Juden gekommen ist.

Batthyány ist schockiert und möchte der Geschichte nachgehen. Kann es sein, dass die Tante, die er auch persönlich gekannt hat, an so einem Verbrechen Teil hatte? Diese Nachforschung dreht sich in eine andere Richtung, als ihm Maxim Biller die zum Titel gewordene Frage stellt: „Und was hat das mit dir zu tun?“. Um diese Frage zu beantworten, begibt sich Batthyány auf eine Reise nicht nur in die Vergangenheit, er besucht dabei auch Ungarn, Russland (Moskau und Sibirien), Österreich und sogar Buenos Aires. Und er verbringt viel Zeit auf der Couch seines Psychoanalytikers.

Was sich nach einem spannenden Stoff anhört, ist tatsächlich sehr interessant zu lesen, auch wenn man hier keine literarischen Höchstleistungen erwarten kann. Batthyánys Weg in seine Familiengeschichte ist sehr sprunghaft erzählt, und ich kann mir vorstellen, dass sie ohne eine gute Kenntnis der ungarischen Geschichte auch nicht immer ganz nachvollziehbar ist, das kann ich aber wohl weniger beurteilen.

Batthyány geht es aber nicht nur um seine Ahnen und europäische Geschichte, er möchte sich selbst besser verstehen und seine Beziehung zu seinem Vater. Als er über seine Reisen und Gespräche mit seinem Vater erzählt, spricht er ohne Umschweife seinen Wunsch aus: Er möchte, dass sein Vater ihn endlich wahrnimmt. Er kämpft um seine Aufmerksamkeit, die er – so empfindet er es zumindest – nie bekommen hat. Dabei realisiert er an einem Punkt, dass es einen gravierenden Unterschied zwischen seiner Generation und der Generation seiner Eltern und Großeltern gibt: die älteren Generationen haben erlebt, wie es ist, dass eine fremde Macht von heute auf morgen einem alles wegnehmen kann. Das kennen wir heute nicht. Wir sind Experten des Ichs und können uns nächtelang über unsere Beziehungen, Sexualleben und Glutenunverträglichkeit unterhalten. Zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen.

Und dass er tatsächlich ein Meiste der Ichbezogenheit ist, merkt man schon daran, dass er in diesem Buch zum Großteil lang mit sich selbst beschäftigt ist. Was ich sehr vermisst habe (was aber nicht als Kritik gelten soll – es zeugt eher von der Ehrlichkeit des Erzählers), ist die Erkenntnis, dass diese Reise, diese Informationen über seine Familie seinen Vater wahrscheinlich noch härter treffen als ihn. Als seine Großmutter darüber schreibt, dass sie sich schuldig fühlt, weil er einer bekannten jüdischen Familie nicht geholfen hat, sucht Sacha danach, wie weit die Persönlichkeit seiner Großmutter in ihm selbst zu entdecken ist. Dass er hier über die Mutter seines Vaters spricht, scheint keine große Bedeutung zu haben. Oder als sie in Sibirien nach Spuren des Gulags suchen, wo der Großvater zehn Jahre seines jungen Lebens als Gefangener verbrachte, springt er förmlich herum, damit sich sein Vater mit ihm beschäftigt und kann nicht begreifen, warum sein Vater ihn nicht zu sehen scheint. Dabei dachte ich nur, dass der Vater wahrscheinlich gerade mit seiner Beziehung zum eigenen Vater kämpft und den Sohn deshalb nicht merkt. Sachas Großvater hat seinen eigenen Sohn erst kennengelernt, als dieser bereits vierzehn Jahre alt war. Wie sich die Beziehung von Vater und Sohn eine Generation vor Sacha entwickelt hat, erfahren wir nicht.

Sacha Batthyány hat aber keine Angst, auch schwerwiegendere Fragen zu stellen. Was hätte er an Stelle seiner Großmutter getan? Hätte er Juden versteckt? Und er hat keine Angst, diese Fragen zu beantworten.


Diverses

Weitere Meinungen zum Buch:

privatliteratur.blog

Impressum:

Autor: Sacha Batthyány
Titel: És nekem ehhez mi közöm
Übersetzung aus dem Deutschem: Éva Blaschtik
Seitenzahl: 250
Verlag: Helikon
Erschienen: 2016
© Helikon Kiadó

 

 

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