Juli Zeh: Unterleuten

Juli Zeh entpuppt sich immer mehr als eine meiner Lieblingsschriftstellerinnen. Vor vielen Jahren habe ich Adler und Engel von ihr gelesen, dann lange nichts, und nun habe nach Schilf und Neujahr mit Unterleuten das dritte Buch innerhalb eines Jahres von ihr gelesen. Schilf ist für mich zwar noch immer das beste ihrer Bücher (es wird übrigens auch in diesem Buch darauf verwiesen, als eine der Protagonisten es liest), aber Unterleuten ist sehr nahe dran.

Unterleuten ist ein kleines Dorf in der Nähe von Berlin. Die Mehrheit der Einwohner lebt schon sein ganzes Leben hier, es sind aber nach der Wende viele in den Westen gegangen und auch die jüngeren Generationen suchen teilweise lieber woanders nach ihrem Glück. Dafür gibt es hier Zugezogene aus dem Westen, Großstädtler, die hier die romantische Idylle des Dorfes zu finden hoffen.

Nach der Wende gab es Gewinner und Verlierer, wer heute die Macht hat, scheint klar zu sein, auch wenn im Hintergrund ein ewiger Kampf zwischen den zwei gegnerischen Lagern stattfindet. Dieser Kampf bricht erst auf die Oberfläche, als Entwicklungspläne das Dorf erreichen (Windkraftanlagen sollen hier errichtet werden) und die unterschiedlichsten Interessen aufeinanderprallen. Niemand bleibt davon unberührt.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der einzelnen Bewohner von Unterleuten, von Kapitel zu Kapitel springen wir zu einer weiteren Person, was oft auch das soeben Erzählte in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Dabei stellt man als Leser öfter mal fest, dass sich die Leute nur miteinander unterhalten sollten, damit könnten sie einige Misverständnisse aus dem Weg räumen. Wenn das tatsächlich ihr Zielt sein sollte: manche Einwohner halten seit Jahrzehnten an ihrem Hass fest, was wären sie ohne ihn?

Die Machtverteilung im Dorf, die Beziehungen sind nur ein Teil der Geschichte, wenn auch vielleicht ihr wichtigster. Daneben gibt es noch weitere Schichten, wie zum Beispiel die Errichtung von Windkraftanlagen und deren Auswirkung auf Land und Leute. Oder die Suche junger Menschen nach einem Leben außerhalb der Großstadt – wie können sie sich hier eingliedern, was passiert mit den alten Freundschaften?

Für all diese und andere Themen dient Unterleuten als Kulisse. Die Einwohner repräsentieren hier das kleine deutsche Dorf, das seit der Wende immer weiter schrumpft. Dadurch wirken sie teilweise auch klischeehaft, was aber mich zumindest beim Lesen nicht allzu gestört hat. Mein einziger größerer Kritikpunkt gilt dem Epilog, der aus meiner Sicht nichts zur Geschichte beigetragen hat, dem Schluss dafür aber einiges an Stärke weggenommen hat.

Wer also noch nichts von Juli Zeh gelesen hat, ist mit diesem Buch gut beraten (sollte aber auch Schilf lesen).


Diverses

An dieser Stelle möchte ich mich beim Bloggerportal ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken.
Der erste Satz:

„Das Tier hat uns in der Hand.“

Weitere Meinungen zum Buch:

Frau Lehmann liest

Ersteindruck

lenalovesfiction

BirthesLesezeit

Impressum:

Autor: Juli Zeh
Titel: Unterleuten
Seitenzahl: 640
Verlag: btb
Erschienen: 2017
© 2016 Luchterhand Literaturverlag

2 Responses

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