Stephan Thome: Gott der Barbaren

Mitte des 19. Jahrhunderts sind zwar immer mehr Leute aus dem Westen nach China gelangt, trotzdem wussten Chinesen, Europäer und Amerikar wahrlich wenig über den anderen. Und so wie für die Chinesen die Menschen aus dem Westen nur Barbaren waren, hat auch der Westen die Chinesen für rückständig und barbarisch gehalten. Mit Opium und dem Christentum sollte China auf den Weg der Entwicklung gebracht werden… zumindest waren das die beiden wichtigsten Exportgüter des Westens. Zu einer Verständigung der Zivilisationen kam es erst viel später. Stephan Thome studierte Sinologie und lebt seit Jahren in Taipeh, dass er sehr viel über Chinas Geschichte weiß, stellt er mit diesem Roman unter Beweis.

Der junge Philipp Johann Neukamp muss nach der Revolution von 1848 Deutschland verlassen. In Rotterdamm trifft er auf Karl Gützlaff, der als Missionar in China tätig war und nun in Europa Geld für „die armen Chinesen“ sammelt. Als Philipp ihm seine Hilfe anbietet, schickt er ihn nach China, um dort als Missionar den Chinesen zu helfen, Gott und den christlichen Glauben kennenzulernen und damit das Land auf den Weg einer fortschrittlichen Zivilisation zu bringen. Philipp fährt ohne jegliche Kenntnisse über Land und Leute nach China, um die Arbeit aufzunehmen. 


Alle die Jahre hindurch hatte ich in der Hoffnung gelebt, dass irgendwo eine große Sache wartete, der ich mein Leben widmen konnte.

Zu dieser Zeit wütet in China bereits der als Taiping-Rebellion bekannt gewordene Bürgerkrieg, in dessen Verlauf 20-30 Millionen Menschen starben. Thome erzählt in diesem Roman aus der Sicht mehrerer auch historisch belegten Figuren über die Rebellion und über die Rolle der „Barbaren“ darin. Anführer der Rebellen ist Hong Xiuquan. Von einem christlichen Missionar bekehrt glaubt er der jüngere Bruder Jesu und somit zweiter Sohn Gottes zu sein. Bei der Rebellion geht es jedoch nicht nur um einen Glaubenskrieg, sondern auch um einen politischen. Der Kaiser und sein Hof sind Mandschus, es herrschen also praktisch Fremde über das Land. Die Chinesen fühlen sich im eigenen Land erdrückt, und das führt dazu, dass sie bereit sind, einem von Visionen geplagten Anführer zu folgen.

Neben Philipp Neukamp sind Lord Elgin, Sonderbotschafter der britischen Krone und Zeng Guofan, Oberbefehlshaber der Hunan Armee die vielleicht wichtsigsten Figuren des Romans. Beide führen ihre Armeen Widerwillen an, und sind durch äußere Umstände dazu gezwungen, in einem Krieg teilzunehmen und von ihrer Familie getrennt zu sein. Das ändert aber nicht daran, dass beide erfolgreich sind in dem, was sie tun – und es ist sehr spannend, diese Parallelfiguren aus so unterschiedlichen Kulturen zu sehen, die sich doch so ähneln. Neben den Kapiteln, in denen wir den Weg dieser drei Figuren verfolgen können, gibt es weitere Kapitel mit Briefen, Tagebucheinträgen und Zeitungsartikeln, die die Geschichte ebenfalls weiterbringen. Dadurch wird die Historie dieses Bürgerkriegs ihrer Komplexität gebührend dargestellt. Am Anfang erfordert das vom Leser zwar viel Aufmerksamkeit, diese Arbeit lohnt sich aber.

Der Roman stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, erhielt aber auch viel Kritik. Mir hat das Buch ehr gut gefallen. Es war zwar keine leichte, aber eine außerordentlich interessante und lehrreiche Lektüre. 


Diverses

An dieser Stelle möchte ich mich beim Suhrkamp Verlag ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken.

Der erste Satz:

Niemand weiß etwas über sie.

Weitere Meinungen zum Buch:

LiteraturReich

Bookster HRO

Lesen macht glücklich

Letteratura

Frau Lehmann liest

Impressum:

Autor: Stephan Thome
Titel: Gott der Barbaren
Seitenzahl: 719
Verlag: Suhrkamp
Erschienen: 2018
© Suhrkamp Verlag

Das Buch beim Verlag: 
https://www.suhrkamp.de/buecher/gott_der_barbaren-stephan_thome_42825.html

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