Alex Capus: Ein Frage der Zeit

Das Leben schreibt oft die besten Geschichten. So ist es auch im Fall des Dampfers Götzen, der 1913 im Papenburger Meyer-Werft gebaut und getauft wird, nur um in der nächsten Minute gleich auseinander genommen und bis zum Fuße des Kilimandjaro an den Tanganjikasee geliefert zu werden. Hier sollen ihn drei Schiffsbauer, Rüter, Tillmann und Wendt wieder zusammensetzen und damit die Vorherrschaft Deutschlands in Deutsch-Ostafrika sichern. Dass alles etwas anders kommt, als geplant, lässt sich bereits anhand der Jahreszahl erkennen – wir stehen kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Parallel zu den drei Schiffsbauern lernen wir den britischen Leutnant Geoffrey Spicer Simson kennen, der schon immer davon geträumt hat, etwas Besonderes zu leisten, sodass auch künftige Generationen noch von ihm sprechen. Bald bekommt er die langersehnte Gelegenheit: er soll einen deutschen Dampfer auf dem Tanganjikasee versenken…

All das ist eine wahre Geschichte, die sich genau so zugetragen hat, wie Alex Capus sie erzählt. Die oft ins Komische übergehende Figur Spicer Simsons klingt so unwahrscheinlich, dass ich an einem Punkt selber nachrecherchiert habe, ob es ihn so gegeben hat und ob er tatsächlich so ein Sonderling war, und zu meiner Überraschung musste hier Capus nur wenige Lücken durch seine Fantasie füllen. Eine Frage der Zeit ist ein Tatsachenroman, und so muss man ihn auch akzeptieren. Der Schweizer Autor bringt den hervorragenden Stil, die unterhaltsamen Beschreibungen mit zur Party, die Details der Geschichte entstammen seiner Recherche.

Und Capus bringt auch jede Menge Fragen mit. Auch wenn der Roman den Leser oft zum Schmunzeln bringt, lässt er uns auch nicht ohne moralische Fragen am Geschehen vorbeigehen. Die drei Schiffsbauer, die am Anfang den Auftrag übernehmen, ein Boot in Afrika zusammenzubauen, befinden sich plötzlich im Krieg und werden ohne wenn und aber als Soldaten rekrutiert und müssen am Kriegsgeschehen teilnehmen.

Die Arbeit war erledigt, wir hatten alles getan, was zu tun war. Jeder von uns wusste, dass jetzt nur noch das Warten blieb, und dann würde das Schießen beginnen, das Töten und das Leiden und das Sterben in einem fremden Land unter fremden Menschen für eine Sache, die jedem einzelnen von uns im Grunde genommen fremd und unverständlich war.

Seite 257

Diese Geschichte hat keine Helden. Spicer Spencer, der erfolgreich das Schiff versenkt, mit dessen Versenkung er beauftragt wurde, fühlt sich nicht als Sieger. Rüter, Wendt und Tillmann erfüllen auch ihren Auftrag, können aber keinen wirklichen Stolz mehr empfinden. Auch das Land hat sie verändert. Wendt, der junge Sozialdemokrat, der mit guten Vorsätzen nach Afrika kommt, muss sehr schnell feststellen, dass er nicht umhin kommt, eine Schwarze für ihre Dienste in Anspruch zu nehmen, die für ihn kocht und auch andere Aufgaben übernimmt. Rüter führt einen eigenen kleinen Krieg gegen den deutschen Kommandanten, was letztendlich nicht mehr als langes Vorspiel für eine Freundschaft ist.

Insgesamt ist Eine Frage der Zeit ein sehr unterhaltsames und interessantes Buch, das ein Stück Kolonialgeschichte lebendig macht. Und es ist ein tückisches Buch, das den Leser am Ende mit vielen Fragen und Gedanken alleine lässt.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den dtv Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Blind und irr vor Erschöpfung kletterte Anton Rüter den Bahndamm hinauf, dem er seit der Morgendämmerung entgegengelaufen war.

Impressum:

Autor: Alex Capus
Titel: Eine Frage der Zeit
Seitenzahl: 300
Verlag: dtv
Erschienen: 2018
© Carl Hanser Verlag

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