Hans-Dieter Rutsch: Der Wanderer

Meine letzte Berührung mit Theodor Fontane liegt bereits einige Jahrzehnte zurück, ich habe damals Effie Briest in der Schule gelesen, und war nicht besonders begeistert davon. Woran das lag? Nach so langer Zeit ist es schwer zu sagen, jedenfalls habe ich seitdem nichts mehr von ihm gelesen. Die Biographie von Hans-Dieter Rutsch nahm ich deshalb mit der Hoffnung in die Hand, dass er mir nach so langer Zeit Theodor Fontane ein wenig näher bringt – und das hat er auch getan.

Auch wenn ich gleich sagen muss, dass dies hier eine doch eher ungewöhnliche Biographie ist. Die Reise geht nicht von Fontanes Geburt bis zu seinem Tod, die Lebensgeschichte des Schriftstellers wird mit vielen zeitlichen Sprüngen erzählt. In dem einen Augenblick sind wir noch in seiner Kindheit, er ist zwölf und muss seine Familie verlassen, im nächsten Augenblick geht es schon um den alten Fontane. Das ist eine sehr ungewöhnliche Erzählweise, aber zu meiner Überraschung wirkt das Buch dadurch trotzdem nicht verwirrend, sondern zeichnet ein sehr zusammengesetztes, spannendes Bild von Fontane und übt auch einen starken Sog aus, der zum Weiterlesen zwingt.

Das einzige, was mich daran ein wenig gestört hat, waren die Wiederholungen, als hätte Rutsch manchmal den Faden verloren und nicht mehr gewusst, was er schon erzählt hat und was nicht (was bei den vielen hin-und-her-Sprüngen kein Wunder wäre). So erzählt er zum Beispiel zweimal, dass Fontane gerne Walter Scott gelesen und immer eins seiner Bücher mit dabei hatte, weil sein Vater Scott sehr geliebt hat.

Diese nichtlinerare Erzählung passt aber sehr gut zu Fontanes Leben, zum Leben des Mannes, der ständig unterwegs war und erst spät in seinem Leben ein Zuhause in Berlin gefunden hat. So wie er sich immer wieder auf den Weg begeben hat, machen wir Leser uns immer wieder auf den Weg, um ihn zu begleiten. Unser Startpunkt ist dabei immer die Kindheit des Autors, über die es laut Rutsch bisher sehr wenig bekannt war und sie praktisch nicht mit Fontanes Werk in Verbindung gebracht wurde. Das ist unfassbar, wenn man bedenkt, dass Fontanes Mutter immer wieder in psychologischer Behandlung war (und das Mitte des 19. Jahrhunderts mit den damaligen fragwürdigen Methoden), dass der Vater eine blühende Fantasie, Spielsucht und immerwährende Geldprobleme hatte. Und dass Fontane, wie eben schon erwähnt, bereits mit zwölf seine Eltern und Geschwister verlassen musste, um weit weg von ihnen zur Schule zu gehen.

Dass seine Kindheit sich unvermeidbar auf sein Werk auswirken musste, erscheint heute zumindest sehr einleuchtend. Fontane hat allerdings wohl selbst dafür gesorgt, dass die bisherigen Biographen sich nicht mit diesem Thema befasst haben: Über seine Kindheit schrieb er stets nur in positiven Tönen. Nach der Biographie von Hans-Dieter Rutsch ist allerdings davon auszugehen, dass diese Frage in Zukunft nicht mehr vernachlässigt wird.

Vernachlässigung wird auch der Geburtsstadt Fontanes vorgeworfen (genau wie sein Subjekt spart auch Rutsch nicht mit Kritik…). In Neuruppin finde man kaum Zeichen dafür, dass Fontane hier geboren ist. Die Apotheke seines Vaters steht zwar bis heute, der Schriftzug „Fontanehaus“ darauf sei aber zu klein, meint Rutsch. Ob er da Recht hat, kann ich leider nicht beurteilen. Wenn ja, passt das irgendwie zu Fontane, der auch zu Lebzeiten nicht so recht in der Lage war, Freunde zu behalten, er hielt sich bei Kritiken nie zurück, und diese richtete er nicht nur an seine Mitmenschen, sondern auch an Neuruppin:

Vorwurf an Vorwurf reiht er nahezu ungebremst aneinander. Eine armselige Residenzstadt nennt er Neuruppin, der Leben und Verkehr fehle. Aus ihr würde nie etwas Rechtes werden.

Seite 76

Dafür hält er aber sehr viel von sich, ist sehr eitel (lässt zum Beispiel seinen Oberlippenbart so lang wachsen, dass man seine Zahnlücke nicht sieht), und verträgt Kritik nicht besonders gut:

Wenn „du Deine Meinung über meine Ballade nicht schleunigst änderst, bist Du Deines Lebens nicht mehr sicher“, schreibt er an seinen Verleger Bernhard von Lepel.

Seite 285

Es lässt sich aber auch sehr viel Gutes über Fontane sagen. Er war in seiner Auffassung über Frauen sehr modern zu der Zeit. Er hielt es für ungerecht, dass Frauen keine freie Wahl bezüglich ihrer Heirat treffen durften. Dass sie nicht das Leben führen konnten, das sie leben wollten. Dabei führte er Wohl das Beispiel seiner eigenen Mutter vor Augen, die sehr jung und nach einer sehr kurzen Bekanntschaft seinen Vater geheiratet hat, ohne zu wissen, worauf sie sich einlässt.

Er war auch in der Hinsicht modern, dass er von seinem Schreiben leben wollte. Eine Weile hat er zwar in einer Apotheke gearbeitet, später warf er das jedoch hin und versuchte das damals Unmögliche, als freischaffender Autor den Lebensunterhalt für seine Familie zu verdienen. Dies führte zu einem sehr schweren Leben, das erst zum Ende hin um einiges besser wurde.

Fontane hat auch viel auf das Wort seiner Frau gegeben. Sie schrieb all seine Manuskripten ins Reine (was Fontanes Schrift betrachtend eine echte Herausforderung gewesen sein muss) und unterstützte ihn so gut sie nur konnte. Später wurde auch Tochter Mete mit einbezogen, beide Frauen waren auch Fontanes erste Kritiker. (Und wie schön, dass Hans-Dieter Rutsch sich am Ende seines Buches bei Barbara Rutsch bedankt für „die kritische und geduldige Durchsicht der verschiedenen Fassungen des Manuskripts“.)

Der Wanderer von Hans-Dieter Rutsch ist eine sehr unterhaltsam geschriebene Biographie mit so viel angehäuftem Wissen nicht nur um Fontane, sondern auch um die damalige Zeit, dass man nach dem Lesen einige Zeit braucht, um das alles zu verarbeiten. Er hat mir auf jeden Fall Lust auf Fontane gemacht.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Rowohlt Berlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Der Tag ist grau und kalt.

Impressum:

Autor: Hans-Dieter Rutsch
Titel: Der Wanderer
Seitenzahl: 331
Verlag: Rowohlt Berlin Verlag
Erschienen: 2018
© Rowohlt Berlin Verlag GmbH

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