Cixin Liu: Die wandernde Erde

Die wandernde Erde enthält elf Erzählungen des chinesischen Science-Fiction Autors Cixin Liu. In deutscher Übersetzung ist vor gar nicht allzu langer Zeit, vor einigen Monaten, bereits eine Erzählung aus diesem Band erschienen, Der Weltenzerstörer. Einige der Erzählungen hängen zwar lose zusammen, so sind zum Beispiel die titelgebende Geschichte und Das Mikrozeitalter Variationen auf das Thema, was die Menschheit tut, sollte sich unsere Sonne erlöschen. Liu findet zwei sehr unterschiedliche Lösungen, die beide interessant und ungewöhnlich sind. Der Zusammenhang zwischen diesen Geschichten ist jedoch so lose, dass sie auch ohne Kenntnis der anderen verständlich und vollständig sind. Allein im Fall der letzten beiden Erzählungen wäre meine Empfehlung sie in der Reihenfolge ihrer Entstehung zu lesen und nich umgekehrt, wie sie leider im Buch gedruckt wurden.

Cixin Liu beweist eine große Vielfalt und viel Einfallsreichtum in diesen Geschichten. Faszinierend ist die Welt, in der Dinosaurier und Ameisen in einer Symbiose leben, oder die, in der die Götter der Menschheit auf einmal mit ihren Raumschiffen auftauchen und ihre „Kinder“ bitten, nun für ihre altgewordenen Schöpfer zu sorgen – nur um zwei hier hervorzuheben. Die Geschichte des jungen Mannes, der sein Dorf verlässt um in der Stadt ein besseres Leben zu finden und am Ende wirklich hoch hinauskommt, war eine meiner Lieblingsgeschichten. Insgesamt haben mir alle elf Erzählungen gut gefallen, trotzdem bin ich nicht ganz zufrieden mit dem Buch insgesamt.

Die Erzählungen wirken wie Gedankenspiele, und Cixin Liu zeigt sehr viel Können bei der Darstellung komplexer Welten auf wenigen Seiten. Die Charaktere bleiben aber bei dieser Kürze nicht besonders gut ausgearbeitet und auch insgesamt wirken die Geschichten oft wie Skizzen für eventuelle spätere Romane. Dieses Gefühl war bei Der Weltenzerstörer besonders groß, da diese Erzählung sehr eindeutig die Keime der Trisolaris-Trilogie in sich trägt. Verstärkt wird dieses Gefühl auch dadurch, dass in mehreren Erzählungen gerade der Teil der Geschichte als Erzählung oder Erinnerung einer Figur wiedergegeben wird, der am spannendsten ist. Der Leser ist dadurch kein Teilnehmer der Geschichte, sondern nur Zuhörer, was die Spannung praktisch zunichte macht. Das hat mich ein wenig auch überrascht, da das allererste Buch, das ich von Cixin Liu gelesen habe, eine Novelle (Spiegel) war, und die wirkte überhaupt nicht wie eine Skizze für etwas Größeres.

So viel Spaß mir dieser Erzählband also auch gemacht hat, hoffe ich tatsächlich sehr, dass einige dieser Ideen sich in einem längeren Roman von Liu sich wiederfinden. Empfehlen kann ich dieses Buch jenen, die bereits einiges von Liu gelesen haben und ihn besser kennenlernen wollen. Weniger zu empfehlen ist das Buch Neueinsteigern, sie könnten eventuell enttäuscht werden.


Diverses

An dieser Stelle möchte ich mich beim Bloggerportal ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken.
Der erste Satz:

Ich habe nie die Nacht gesehen und nie die Sterne, habe nie Frühling, Herbst oder Winter erlebt.

Impressum:

Autor: Cixin Liu
Titel: Die wandernde Erde
Übersetzung aus dem Chinesischen: Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann
Seitenzahl: 688
Verlag: Heyne
Erschienen: 2019
© Wilhelm Heyne Verlag

10 Responses

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.