Alex Capus: Léon und Louise

Es ist der 16. April 1986, eine Trauergottesdienst findet in Paris in Notre Dame statt. Plötzlich tritt eine Frau in die Kirche, geht nach vorne zum Sarg, nimmt eine Fahrradklingel aus der tasche, klingelt zweimal und legt die Klingel in den Sarg. Sie küsst den Toten auf die Stirn, legt ihre Wange an die des Toten. Die Familienmitglieder des verstorbenen Léon Le Gall tuscheln: „Ist sie das? Ist das die Frau?“ Ja, das ist tatsächlich Louise Janvier, die kleine Louise.

Die Geschichte von Léons Totenmesse und der Liebe zwischen Léon und Louise wird von einem von Léons Enkeln erzählt. Die beiden lernten sich 1918 kenne, beide gerade mal 17 Jahre alt zu der Zeit. Léon arbeitete am Bahnhof und versah mit seinen kaum vorhandenen Morsekenntnissen den Telegrafendienst, Loiuse arbeitete beim Bürgermeister und half dabei, die traurige Nachricht über Gefallene an die Hinterbliebenen zu überbringen. Beide sind Fremde im Dorf und freunden sich schnell an. Eines Tages machen sie einen Ausflug mit den Fahrrädern ans Meer, erleben eine schöne Liebesnacht. Am nächsten Tag zieht jedoch einer der letzten Bombenangriffe in Frankreich einen Schlussstrich unter ihre gerade aufblühende Beziehung. Léon überlebt mit schweren Verletungen, Louise ist aber tot. Das sagt ihm zumindest jeder, den er fragt.

Wir sehen Léon 10 Jahre später. Er arbeitet in paris bei der Polizei als Chemiker (wieder eine Arbeit, von der er keine Ahnung hatte, als er sie annahm), ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Eines Tages sieht er plötzlich Louise in der Metro. Sie ist am Leben.

Léon und Louise ist keine tatgtägliche Liebesgeschichte und Alex Capus schafft es geschickt, Klischees zu vermeiden. Alle drei Hauptbeteiligten, Léon, Louise und Léons Frau, Yvonne bleiben treu zu sich und in gewisser Weise auch treu zu ihren jeweiligen Beziehungen. Es ist ein ungewöhnliches Arrangement, und fühlt sich (nicht überraschend) sehr französisch an.

Da die Geschichte von Léons Enkel erzählt wird, gibt es viele Lücken in der Geschichte, vor allem was die Vorgeschichte von Louise angeht. Erzählt wird diese Liebesgeschichte in großen Zeitsprüngen, manchmal vielleicht mit etwas zu großen Sprüngen, ich hätte gerne länger mehr Zeit in Paris mit den Le Galls verbracht. Das ist aber auch mein einziger größerer Kritikpunkt an den Roman. Das Leben am Ende des Ersten Weltkriegs, dann im Zweiten Weltkrieg und in der Zeit danach werden von Capus gekonnt dargestellt, auch wenn die Weltgeschichte hier zwar eine teilweise maßgebliche (mit der Trennung der Verliebten), letztendlich aber doch nur eine Nebenrolle spielt und als eine – zugegebenermaßen faszinierenden – Kulisse dient.

Das Buch wurde 2011 für den Deutschen Buchpreis nominiert, hat es aber nicht auf die Shortlist geschafft.


Diverses

Der erste Satz:

Wir saßen in der Kathedrale von Notre-Dame und warteten auf den Pfarrer.

Weitere Meinungen zum Buch:

Eszterecke

Impressum:

Autor: Alex Capus
Titel: Léon und Louise
Seitenzahl: 315
Verlag: Hanser
Erschienen: 2011
© Carl Hanser Verlag

Ein Kommentar zu „Alex Capus: Léon und Louise

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