Carsten Schmidt: Ausgekafkat

Tabea Thuleweit hat Germanistik studiert, ist nun 35 und hat genug. Genug davon, dass sie keine Arbeit findet, die ihrer Ausbildung und ihren weitreichenden Kenntnissen über Sprachen entsprechen würde. Als sie den Punkt erreicht, wo das Fass überläuft, muss sie irgendwie reagieren: Sie geht zur Universität, zu Professor Gothial, und schlägt ihn mit einem Buch nieder. Dann verlässt sie seelenruhig die Universität und geht nach Hause, nur um kurze Zeit später verhaftet zu werden.

Auf die schreckliche Tat (Gothial wurde beim Angriff sehr schwer verletzt) folgen Gespräche. Gespräche mit den Ermittlern, mit ihrem Anwalt, mit einer Psychologin in der JVA, mit ihrer Zellengenossin. Bei diesen Gesprächen treffen Welten aneinander und zunächst scheint ein Übergang zwischen diesen Welten, zumindest für Tabea, unmöglich. Die Ermittler versuchen den Grund für ihre Tat zu finden, eine Erklärung, die auch für sie nachvollziehbar ist, gibt es jedoch nicht. Der Professor ist umstritten, es liegen bereits Beschwerden von Studentinnen gegen ihn vor (es gibt sogar eine Facebook Gruppe, in der er gehasst und Tabea gefeiert wird), Tabea und er kannten sich zuvor jedoch gar nicht. Und dann war die Tatwaffe auch noch ein Buch! Ein Buch, das Tabea nach der Tat mit nach Hause nahm, war es doch ihr Buch – oder doch seins? Die Ermittler sind endverwirrt, was zu diesem wunderbaren Wortwechsel führt:

„Wem gehört das Buch?“

„Mir, ich habe es irgendwann gekauft.“

„Wieso sagten sie gerade, es ist >seins<?“

„Gothial ist der Autor. Ich habe ihm seinen eigenen Mist um die Ohren gehauen.“

Tabea lebt in ihrer eigenen Welt und prallt nun härter als je zuvor gegen die Welt der anderen (der Realität?). Nach und nach muss sie sich öffnen, denn Sprache alleine reicht hier nicht, um verstanden zu werden. Aber auch wenn sie verstanden wird, kann sie in dieser anderen Welt überleben? Gibt es hier einen Platz für sie? Für diese Fragen muss sie eine Antwort finden. Zunächst korrigiert sie jedoch noch die Kommafehler in der Abschrift ihrer Aussage:

Sie fand die Art des Protokolls und die Sprache der Beamtin Linde holperig, lustlos und stilistisch unterirdisch. Es klang zusammengepappt. Sie strich vier Kommafehler an, inhaltlich aber waren die Aussagen korrekt.

Carsten Schmidt erzählt in diesem klugen Roman (der sein Erstlingswerk ist, hoffentlich folgen noch mehr) vieles nur zwischen den Zeilen. Von den Nebenfiguren erfahren wir oft nur in kleinen Szenen auf eine indirekte Weise etwas, trotzdem kommen dem Leser auch diese Figuren näher, und das wenige Licht, das auf sie geworfen wird, reicht, um sie zu verstehen. So bleiben die Bibliothekarin, die Psychologin, die Zellengenossin lange in Erinnerung. Oder die kleinen Szenen zwischen einer Schließerin, die Tabea mal zum Arzt, mal in die Bibliothek begleitet. Sind Personen, die sich nicht in Tabeas Traumwelt bewegen, einfacher zu verstehen, ist ihre Motivation eher nachvollziehbar?

Es fällt mir schwer, bei diesem Buch nicht ins Schwärmen zu geraten. Der Humor (sei es in den Dialogen oder in der Situationskomik), wird hier perfekt dosiert, genauso wie das Drama zum Beispiel der Verhaftung oder der Verwundung des Bruders in Afghanistan (und wie charakteristisch für Tabea, dass sie bei einer Unterhaltung übe den Einsatz des Bruders in Afghanistan nur über die Schönheit des Landes reden kann!).

Tabea muss ganz tief fallen (was sie übrigens kaum zu merken scheint), um endlich die Augen zu öffnen (auf die Welt und auf sich selbst) und ihren Elfenbeinturm zu verlassen. Ist die Kluft zwischen ihr und „den anderen“ tatsächlich so groß, wie es am Anfang schien? Nur wenn sie sie als „die anderen“ betrachtet.

Als ehemalige Germanistin geht mir dieses Buch unter die Haut. Ich möchte es an dieser Stelle allen empfehlen, nicht nur Germanisten und anderen Mitbewohnern im Elfenbeinturm.


Diverses

Der erste Satz:

So klein sah er aus, wenn man auf ihn herabsah.

Impressum:

Autor: Carsten Schmidt
Titel: Ausgekafkat
Seitenzahl: 280
Verlag: Drava
Erschienen: 2018
© Drava Verlag GmbH

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