Daniel Mendelsohn: Eine Odyssee

Daniel Mendelsohn ist Übersetzer, Autor, Journalist und Professor für Altphilologie. Als sein 81 Jahre alter Vater ihm eines Tages seinen Wunsch mitteilt, an seinem kommenden Seminar über Homers Odyssee teilzunehmen, ahnt er noch nicht, wohin diese literarische Reise sie beide führen wird. Da seine Beziehung zu seinem Vater nicht unbedingt eng ist, befürchtet er, dass seine Anwesenheit in seinem Seminar unangenehm sein wird.

Die Studenten lachten laut. Und dann, als befürchteten sie, eine Grenze überschritten zu haben, schauten sie fragend in meine Richtung. Da sie mich nicht für einen humorlosen Spielverderber halten sollten, grinste ich über das ganze Gesicht.
In Wahrheit dachte ich: Das wird ein Albtraum.

Seite 85

Langsam stellt sich jedoch eine Routine zwischen den beiden ein. Der Vater, Jay, reist donnerstags an, übernachtet bei Daniel (und schläft dabei auf dem Bett, dass er einst für seinen Sohn auf einer Tür gebaut hat – eine schönes, symbolträchtiges und wichtiges Detail), am nächsten Tag gehen sie zusammen zum Seminar, danach fährt Jay wieder nach Hause. Dass der alte Herr jede Woche mehrere Stunden Fahrt auf sich nimmt, lässt vermuten, dass ihm dieses Seminar sehr wichtig ist. Aber worum geht es ihm dabei? Um Homer? Um in der Jugend versäumte Lernstoffe nachzuholen? Um auch im Alter noch zu lernen, so wie er es schon immer getan hat? Oder um die Beziehung zu seinem Sohn?

Daniel stellt sich auch diese Fragen. Wir sind mit den beiden beim Seminar dabei, gehen Gesang für Gesang die Odyssee durch – das alleine wäre schon lehrreich und eine faszinierende Lektüre. Es liegt einige Jahrzehnte zurück, dass ich die Odyssee gelesen habe, und damals fand ich, wie übrigens auch Jay, dass der Held überhaupt nicht heldenhaft ist. Da hat mir die Ilias schon viel besser gefallen. Diese virtuelle Teilnahme am Seminar lässt das griechische Epos in einem neuen Licht erscheinen, und macht Lust darauf, es wieder zu lesen.

Odysseus erschießt die Freier. Aus einer Ausgabe der Sagensammlung von Gustav Schwab. (Gemeinfrei)

Aber ähnlich wie Homer schweift auch Daniel immer wieder ab, geht in die Vergangenheit zurück oder springt vorwärts in der Zeit. Wir erfahren immer mehr über seine eigene Kindheit, seine Beziehung zu seinem Vater, aber auch über die Kindheit und Jugend des Vaters kommt immer mehr zum Schein. Jay ist ein verschlossener Mensch, der seine Gefühle nie offenlegt. Ein Vater, der große Erwartungen an seine (insgesamt 5) Kinder hat. Ein Mathematiker, für den nur Tatsachen zählen. Er ist aber auch ein freundlicher alter Herr, den Fremde für sehr sympathisch halten, wie der Sohn zu seiner Überraschung immer wieder feststellt.

In der Odyssee spielt die Vater-Sohn Beziehung zwischen Odysseus und Telemachos eine große Rolle, und auch Odysseus‘ Vater, Leartes bekommt eine große Bedeutung zum Ende des Epos. Die Odyssee ist auch eine Geschichte über Entwicklung, über das Lernen, über Erfahrungen. Die Parallelen zu Daniel und Jay sind unübersehbar. Daniel hatte schon früh auf Probleme, seinem Vater nahe zu kommen – also suchte er sich andere Vaterfiguren, andere Mentoren.

Dieser Mann, der mir am Ende ein enger Vertrauter wurde, war der Letzte in einer ganzen Reihe von Mentoren, deren Nähe ich suchte, Männer, die für mich – mit meinen seltsamen Interessen und den exotischen Hobbys, den Fabergé-Eiern und den Hieroglyphen – viel bessere Väter waren, als mein leiblicher Vater, der ständig an seinen defekten Autos herumschraubte und regelmäßig bei Radio Shack vorbeischaute, um den Radiowecker mit seinen Klappzahlen noch ein paar Monate am Leben zu erhalten.

Und so hatte ich immer wieder Alternativen zu meinem Vater gefunden, hatte Mentoren gefunden.

Seite 248

Dass er damit seinem Vater Schmerzen verursacht hat, wird ihm erst Jahrzehnte später bewusst, als sie gemeinsam die Odyssee lesen. In einer Szene kehrt Telemachos nach Ithaka zurück und begrüßt den Schweinehirten, der in Abwesenheit seines Vaters zu einem Vater für ihn geworden ist, so innig, wie er später seinen leiblichen Vater nicht begrüßen kann. Jay Mendelsohn bleibt für das erste Mal still im Seminar.

Nach dem Seminar untenehmen die beiden eine Kreuzfahrt auf den Spuren der Odyssee, und diese Reise bringt die beiden einander unerwartet näher, als der Vater seinem Sohn hilft, eine Angst zu überwinden.

Jay und Daniel Mendelsohn

Daniel Mendelsohn könnte nicht abstreiten, dass er Lehrer ist. Er erklärt sehr viel in diesem Buch, befasst sich ausgiebig mit der Etymologie vieler Wörter in der Odysse und stellt seine Fragen aus dem Seminar so, dass der Leser sich dabei ertappt, diese mit den Studenten zu beantworten. Er wirkt dabei aber nicht belehrend, er ist selbst auf der Suche nach Antworten und ist sich nicht zu schade zu gestehen, wenn er sich mal geirrt hat oder von anderen etwas gelernt hat.

Mein Vater hatte gesagt: Bei einem guten Buch wünscht man sich, dass es nicht aufhört.

Seite 339

So erging es mir mit Daniel Mendelsohns Eine Odyssee. Es geht hier letztendlich um seinen Vater, aber durch die Parallelen mit dem Epos wird diese individuelle Geschichte auch zu einer allgemeinen Vater-Sohn Geschichte, die nicht nur Vätern und Söhnen etwas erzählt. Ein großes Highlight dieses Jahres, das ich jedem nur empfehlen kann.


Diverses

An dieser Stelle möchte ich mich beim Bloggerportal ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken.

Weitere Meinungen zum Buch:

Frau Lehmann liest

Nie ohne mein Buch

Der erste Satz:

Vor einigen Jahren, eines Januarabends kurz vor Beginn des Frühjahrssemesters, in dem ich ein Seminar über die Odyssee halten würde, fragte mich mein damals einundachtzigjähriger Vater, der vor seiner Pensionierung in der technischen Forschung gearbeitet hatte, aus Gründen, die ich seinerzeit glaubte verstanden zu haben, ob er an dem Seminar teilnehmen könne, und ich sagte Ja.

Impressum:

Autor: Daniel Mendelsohn
Titel: Eine Odyssee
Übersetzung aus dem Englischen: Matthias Fienbork
Seitenzahl: 345
Verlag: Siedler
Erschienen: 2019
© Siedler Verlag

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