Hans Pleschinski: Bildnis eines Unsichtbaren

Bildnis eines Unsichtbaren ist ein sehr persönliches Buch von Hans Pleschinski. Es ist ein autobiographischer Roman, in dem er den Tod seines Lebensgefährten, Volker Kinnius verarbeitet, mit dem er 23 Jahre – zu dem Zeitpunkt mehr als die Hälfte seines Lebens – verbracht hat. Das Buch tut aber mehr, als von einer persönlichen Tragödie zu erzählen, es zeichnet auch das Bild der inzwischen vergangenen Ära der 70er und 80er Jahre in München, als es hier ungefähr so heiß herging, wie in San Francisco. Dann brach Aids herein und junge Menschen siechten plötzlich dahin. Unbeschwertheit, Bohéme, Tod, Verzweiflung, Schmerz, Verlust… beim Lesen musste ich oft nach Luft schnappen, manche Sätze fühlten sich an, wie ein Schlag in die Magengrube. Hans Pleschinski offenbart in diesem Buch sehr viel von sich selbst, er tut es aber in einer Weise, die es dem Leser nicht peinlich macht, diesen intimen Einblick in das Leben des Autors zu bekommen. Ein großartiges Werk, das mich nicht so einfach loslassen wird.

Überall war es ähnlich, in London, San Francisco, München. Von der Silvesterfeier 1984 in Berlin – auf der alle 25 Gäste als Telefon verkleidet erscheinen mussten – lebt, bis auf mich, niemand mehr.

Seite 14

Das Buch fängt mit einer anderen Silvesterfeier an, mit der von 1999. Hans verbringt den Jahrtausendwechsel in Paris, wo er seine erste große Liebe, Serge wiedertrifft. Serge war zu diesem Zeitpunkt bereits auf 43 Beerdigungen. Das Treffen mit Serge lässt Hans an ihre erste Begegnung vor über 20 Jahren in Paris denken, später folgt dann auch das Kennenlernen (1978 in der Türkensauna in München) mit Volker. Dazwischen und immer wieder größere und kleinere Lieben, eine größere Rolle spielen aber die Begegnungen mit Künstlern, die Gespräche. Es ist eine aufregende Zeit – Hans will Schriftsteller werden, fragt sich aber, was man nach Beckett noch überhaupt schreiben kann. Volker führt eine Kunstgalerie und sein Wissen über die Kunst, seine Erfahrungen und seine Beziehungen tun sehr viel für die Entwicklung und Selbstfindung von Hans. Der siebzehn Jahre ältere Kinnius wird mit der Zeit jedoch zu demjenigen, der Hilfe und Unterstützung braucht – war er am Anfang derjenige, der seinen Freund ausführen konnte, so ist es später der Jüngere, der finanziell und auch wortwörtlich ihm unter die Arme greift.

Den Verfall eines geliebten Menschen, den Tod vieler Freunde zu erleben und jahrelang mit der Angst und der Ungewissheit zu leben, ob man nicht selbst auch krank und bald tot ist, muss unerträglich gewesen sein.

Manchmal gab es Bedrückungen und Stimmungen, in denen der Gedanke an das Weiterleben unerträglicher war als der an Tod und Erlösung.

Seite 34

Mit dem Tod vieler und dem eindeutig nahenden Tod Volkers zu leben wird durch die ständige Angst verschlimmert, dass auch für Hans jeder Tag der letzte sein kann. Trotzdem vermeidet er die Gewissheit – nur nicht operiert werden zu müssen, denn dann wird sein Blut untersucht und er hat eine endgültige, womöglich vernichtende Antwort. Es wird auch vermieden, offen über diese Themen zu sprechen. So erfährt Hans erst nach Volkers Tod, dass dieser neben anderen Krankheiten auch AIDS hatte, diese Diagnose hat Volker verheimlicht.

Ein Kuß glich dem Zuklappen des eigenen Sargdeckels. jede Hingabe – falls sie die Psyche und der Körper noch zu wege brachten – hatte etwas von Selbstmord.

Seite 170

Bildnis eines Unsichtbaren ist das Portrait des Galeristen Kinnius, der nach seinem Tod mit der Zeit immer mehr an Kontur verliert. Hans versucht aber so weit er nur kann eine vollständige Lebensgeschichte zu erzählen, von der Kindheit in Düsselthal, in einem Kinderheim für schwer erziehbare Kinder (als Sohn des Heimdirektors), nach München, von den schwierigen Anfängen zum Galeristen, der aber nie an Altersvorsorge dachte. War es Vorahnung?

Hans wird nie sentimental, vielleicht weil Volker das nicht gewollt hätte. Über seine Liebe zu Volker wird wenig gesprochen, und auch dann nur vorsichtig, die kleinen Gesten, wie das extra Kochen für ihn ohne Gewürze, sagen aber mehr als Worte. Wenn von der Beziehung gesprochen wird, dann teilweise auch als Anklage an den 17 Jahre älteren Mann, an den sich der jüngere so lange gebunden hat. Erst jetzt, nach seinem Tod ist er frei. Nur fühlt er sich nicht frei.

Tot. Ich bin frei. Ich könnte ein neues Leben beginnen. Ein Wiedersehen im Jenseits?

Oder niemals mehr?

Er macht die Fliege und ich scharre unten weiter?

Seite 74

Das Cover der Hanser-Ausgabe darf hier auch nicht unerwähnt gelassen werden. Es ist ein Bild von David Hockney, „Portrait of an Artist“, und Hockney ist einer der Künstler, die Volker Kinnius Hans nähergebracht hat. Und David Hockney hat in diesem Bild seinen Liebhaber und Muse, Peter Schlesinger verewigt – und zwar am Ende ihrer Beziehung. Es ist eins der bekanntesten Werke Hockneys. Als man wegen der Bildrechte angefragt hat, hat Hockney darum gebeten, ihm zu skizzieren, worum es in diesem Roman geht. Nachdem er das erfahren hat, übergab er die Rechte für 100 (!) Dollar.

Auch das zeigt die Bedeutung dieses Buches. Und es wurde in mehrere Sprachen übersetzt – unter anderen auch ins Türkische und ins Russische. Allerdings ist es in Russland verboten worden.


Diverses

Der erste Satz:

Was geschah?

Impressum:

Autor: Hans Pleschinski 
Titel: Bildnis eines Unsichtbaren
Seitenzahl: 271
Verlag: Hanser
Erschienen: 2002
© Carl Hanser Verlag

Ein Kommentar zu „Hans Pleschinski: Bildnis eines Unsichtbaren

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.