Anthony Marra: The Tsar of Love and Techno

Ein großartiger Originaltitel, der in der deutschen Übersetzung leider viel von seiner Kraft verliert: „Letztes Lied einer vergangenen Welt“ klingt für mich zumindest nicht besonders inspiriert. Diese Übersetzung sollte aber niemand davon abhalten, den zweiten Roman von Anthony Marra zu lesen.

Das Buch besteht aus insgesamt neun Geschichten, „Seite A“ und „Seite B“ enthalten beide jeweils vier Geschichten, und zwischen den beiden findet sich eine neunte. Eine kleine Pause, während wir die Kassette (ja, ich bin mir sicher, dass es hier nicht um eine Schallplatte geht) umdrehen. Unterschiedliche Epochen, Schauplätze und Figuren werden in den Geschichten aufgeführt, der Zusammenhang zwischen ihnen ist aber oft eindeutig erkennbar oder vermutbar, und wie bei einem Musikstück kehren einzelne Melodien immer wieder zurück, um die Einheit des Gesamtwerks auch dann herzustellen, wenn sie gerade weniger deutlich ist. Deshalb ist dieses Buch viel eher ein Roman als eine Erzählsammlung.

All das erinnert ein wenig – und in positivem Sinne – an David Mitchells Wolkenatlas. Die beiden Bücher kann man trotzdem nicht direkt vergleichen, jedes ist hervorragend auf seine eigene Art. (Wer also Wolkenatlas noch nicht gelesen hat, sollte das schleunigst tun!)

Zeitlich umspannen wir mehrere Jahrzehnte. Wir fangen 1937 in Leningrad an, und lernen einen Zensor kennen, dessen Aufgabe es ist, Feinde der Sowjetunion aus Bildern zu retuschieren. Ich musste dabei unentwegt an dieses berühmte Beispiel aus der stalinistischen Ära denken:

Bild: Wikipedia, David King, Free Art Licence 1.3

Das macht also unser Held, Roman Markin, er lässt Menschen für immer verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Können wir es uns heute noch überhaupt vorstellen, dass alle Fotos, die von uns mal gemacht wurden, einfach gelöscht werden? (Da lachen sich gerade Alexa, Siri und wie sie auch immer heißen mögen zu Tode…)

Markin ist ein Meister seiner Werk – und tauscht Gesichter auf unterschiedlichsten Bildern auf das Gesicht seines Bruders aus, der inzwischen ebenfalls zum Feind des Systems erklärt und hingerichtet wurde.

Weitere Geschichten führen uns in die jüngste Vergangenheit. Mal sind wir in Murmansk, in der Stadt Kirovsk – wo ehemals ein Gulag war und heute die Luft von einem Nickelwerk verpestet wird. Ein weiterer Schauplatz ist Grosny in Tschetschenien. Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich in einem literarischen Werk über Tschetschenien lese, und das möchte ich nach diesem Leseerlebnis auf jeden Fall ändern. Anthony Marra scheint über Erfahrungen aus erster Hand zu verfügen was Russland und Tschetschenien angeht. Und tatsächlich hat er Zeit in beiden Ländern verbracht – und muss auch viel Recherche betrieben haben, um zum Beispiel über die 90er so authentisch erzählen zu können (er ist erst 1984 geboren).

Ein wiederkehrendes Motiv des Buches ist der Verrat. Und ob sowjetische Zeit oder russische Gegenwart, diese Geschichten gehen nie harmlos aus. Eine zentrale Rolle spielen Familien, die auseinanderfallen, Tragödien durchstehen müssen – und Menschen, die alleine bleiben und sich nur noch an die anderen, verlorenen Geliebten erinnern können. Erinnerungen lassen sich nicht wegretuschieren. Und bei all der Tragik zeichnet das Buch auch viel Humor aus und manchmal sogar eine Hoffnugsschimmer.


Diverses

Der erste Satz:

I am an artist first, a censor second.

Impressum:
Autor: Anthony Marra
Titel: The Tsar of Love and Techno
Seitenzahl: 318
Verlag: Vintage
Erschienen: 2017
© Anthony Marra 2015

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