Ian McEwan: Maschinen wie ich

1982, London: Charlie Friend kauft sich einen der ersten Androide. Die Jahreszahl ist kein Versehen, Ian McEwans neuer Roman spielt tatsächlich in der Vergangenheit, und hat trotzdem das Thema künstliche Intelligenz in seinem Mittelpunkt. Der Autor hat eine alternative Vergangenheit erschaffen, in der nicht nur Kennedy das Attentat überlebt hat, auch John Lennon ist noch am Leben und The Beatles haben gerade einen neuen Song herausgebracht. Aber was noch maßgebender ist: Alan Turing ist am Leben und hat die Computertechnik viel früher refomiert, als in unserer Realität.

So gibt es bereits Anfang der 80er alles, was wir heute kennen, und teilweise noch mehr. Internet, autonom fahrende Autos, Gespräche über ein Grundeinkommen für alle. Ein faszinierendes Gedankenspiel, das dem Autor augenscheinlich Spaß gemacht hat und auch den Leser zum Großteil mitreißen kann. Daß Großbritannien den Falkland-Krieg verloren hat in dieser Vergangenheit, spielt allerdings eher für die Leser eine Rolle, die sich mit der britischen Geschichte gut auskennen – da ich leider nicht zu denen gehöre, haben mich die Abschweifungen in die Politik weniger gefesselt.

Viel interessanter fand ich die sich vor unseren Augen entfaltende Dreiecksbeziehung zwischen Charlie, Adam und Miranda. Charlie ist 32, der größte Verdienst seines Lebens ist, einem geregelten Job den Rücken gekehrt zu haben und sich jetzt mit Aktienhandel übers Wasser zu halten. Er ist verliebt in seine junge Nachbarin, die Studentin Miranda, und die beiden werden bald ein Paar. Der dritte im Bunde ist einer der ersten 25 Androiden, Adam. Charlie und Miranda programmieren die ersten Parameter für Adams Persönlichkeit, von da an wird sich der Androide aber selbst entwickeln und seine Persönlichkeit entfalten. Bereits eines der ersten Gespräche zwischen Adam und Charlie treibt einen Keil zwischen Miranda und Charlie, behauptet doch der Androide, dass die junge Studentin eine notorische Lügnerin sei…

Man, Face, Facial Expression, Body, Naked, Human

Die Beziehung zwischen den drei wird immer verworrener: Adam verliebt sich in Miranda, Charlie zweifelt zwar daran, dass eine Maschine Gefühle entwickeln kann, kann aber trotzdem nicht umhin, diese einem Menschen zum Verwechseln ähnlich aussehende Maschine schon ab dem ersten Augenblick seines „Erwachens“ mit Respekt zu behandeln. Miranda hat Geheimnisse, die am Ende ein moralisches Dilemma aufwerfen, auf dei Mensch und Maschine sehr unterschiedliche Antworten haben.

Ian McEwans Roman ist ein unterhaltsames Gedankenspiel mit Themen, die bereits jetzt einen Einzug in unsere Gegenwart halten und wahrscheinlich sehr bald den Diskurs bestimmen werden. Wenn Androide Arbeit leisten und Geld verdienen, sollen sie dann auch Steuern zahlen? Wenn Menschen immer weniger arbeiten müssen, weil Maschinen ihre Arbeit besser erledigen können, steht ihnen ein Grundeinkommen zu? Können Maschinen Gefühle entwickeln? Und sollten Maschinen die menschliche Art des Lügens erlernen?

Insgesamt enthält Ian McEwans Werk nichts wirklich Revolutionäres, vor allem, wenn man – wie ich – viel Science-Fiction liest. Aber alleine schon die Tatsache, dass eine literarische Größe wie McEwan mit seinen 70 Jahren sich diesem Thema widmet, zeigt, welche Bedeutung die technische Entwicklung in unserem Alltag hat und noch haben wird. Auf Deutsch ist der Roman beim Diogenes Verlag erschienen.


Diverses

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Der erste Satz:

It was religious yearning granted hope, it was the holy grail of science.

Impressum:

Autor: Ian McEwan
Titel: Machines like me
Seitenzahl: 320
Verlag: Jonathan Cape
Erschienen: 2019
© Ian McEwan

Ein Kommentar zu „Ian McEwan: Maschinen wie ich

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