14/478 | Jonathan Franzen: Die Korrekturen

„Die Korrekturen“, wenn man den Roman mit einem Satz zusammenfassen wollte, ist die Weihnachtsgeschichte einer dysfunktionalen amerikanischen Familie. Enid Lambert, die Mutter, versucht ihre drei erwachsenen Kinder dazu zu bringen, noch ein letztes Weihnachten in der Haus der Familie in St. Jude (eine übrigens fiktive Stadt im Mittleren Westen) zu verbringen. Ein letztes, weil Alfred, der Vater, an Parkinson und Demenz leidet, und immer weniger von seiner Umgebung wahrnehmen und verstehen kann. Scheint eine vernünftige Bitte an die Kinder zu sein, wären die denn nicht mehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und überhaupt an ihren Eltern noch interessiert…

Gary, der Älteste ist Banker, hat drei Kinder und eine manipulative Frau, die kein Mittel scheut, ihn dazu zu bewegen, das zu tun, was sie möchte. Chip war Literaturprofessor, bis er eines Tages eine Beziehung mit einer Studentin angefangen hat. Jetzt will er eine neue Karriere als Autor einschlagen und liegt auf der Tasche seiner Schwester. Denise ist eine sehr erfolgreiche Köchin, in der Liebe greift sie aber immer daneben.

Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven der einzelnen Familienmitglieder erzählt. Dadurch können wir sie alle besser kennenlernen, wenn auch nicht immer verstehen. Enid träumt davon, endlich ein freies Leben zu führen. Neben Alfred konnte sie nie sie selbst sein und ihre eigene Stimme wurde immer unterdrückt. Alfreds Welt ist heute von Krankheit betrübt und seine Halluzinationen nehmen langsam überhand.

Den Kindern ergeht es nicht besser. Gary ist depressiv – oder redet ihm nur seine Frau das ein? Als seine Frau sich mit seinen Kindern gegen ihn verbündet, fühlt er sich verlassen und allein. Chip scheint nicht in der Lage zu sein, erwachsene Entscheidungen zu treffen. Sei es die Beziehung zu seiner Studentin oder zu Drogen oder zu seinen Eltern und Geschwistern, oder seine Berufswahl, die ihn am Ende zu kriminellen Machenschaften führt… Er lässt einen immer mehr verzweifeln. Denise, die im Beruf doch so erfolgreich ist, kämpft ebenfalls auf dem Beziehungsfront. Ihre Mutter macht sich endlos Sorgen wegen ihrer vermeintlichen Affäre mit einem verheirateten Mann, aber die Wahrheit ist tatsächlich noch komplizierter. Dass Enid zwischendurch immer wieder versucht, ihr Bild einer heilen und glücklichen Familie den anderen aufzuzwingen wirkt dabei von der Wirklichkeit völlig losgelöst.

Fazit

Das Buch habe ich nicht nur im Rahmen des #dickebüchercamps gelesen, dieses Buch ist auch auf der Liste der 1001 Bücher, die man in seinem Leben lesen sollte, und steht auch auf meiner abgespeckten Liste. Auf Instagram sind mir viele Fans dieses Romans begegnet, so waren meine Erwartungen recht hoch. Ein Buch, das sowohl von Literaturkritikern als auch vom Publikum geliebt wird, ist recht selten. Es erhielt mehrere Preise ( National Book Award 2001 und James Tait Black Memorial Prize 2002), und 2002 sogar Finalist für den Pulitzer Prize.

Die Erwartungen waren also groß, meine Erfahrung mit dem Buch dann aber doch nicht durchweg positiv, so dass ich es eine Weile ruhen lassen musste, um es sacken zu lassen. Und zu meiner Überraschung hat diese Zeit dem Roman gutgetan. Ich habe mich in dieser Zeit über die Szenen hinweggesetzt, die mich gestört haben, und habe die Figuren, die trotzdem allesamt noch immer unsympathisch sind, irgendwie doch in mein Herz geschlossen. Das ist eine ungewöhnliche Leseerfahrung, an die ich mich noch lange erinnern werden. Deshalb wird hier von mir auch eine Leseempfehlung ausgesprochen.


Diverses

Der erste Satz:

Der Irrsinn einer herbstlichen Prärie-Kaltfront, näher kommend.

Impressum:

Autor: Jonathan Franzen
Titel: Die Korrekturen
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Bettina Abarbanell
Seitenzahl: 784
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Erschienen: 2003
© Rowohlt Verlag

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