Carys Davies: West

Der Roman von Carys Davies, den ich erst kürzlich unter den Neuzugängen vorgestellt habe, bringt uns in die Vergangenheit zurück. Es ist 1815, wir sind in Pennsylvania, im Osten der USA. Cy Bellman liest einen Artikel in der Zeitung, der ihn elektrisiert. Er ist wie besessen davon, dem nachzugehen, was im Artikel berichtet wurde. Und so kommt es, dass er sich schweren Herzens von seiner zehnjährigen Tochter, Bess verabschiedet und die Kleine in die Obhut seiner Schwester übergibt. Er plant eine große Reise in den Westen, ohne die Gegend und die dort lauernden Gefahren zu kennen.

Fazit

Dieses kaum über 200 Seiten fassende Büchlein ist schnell gelesen, mich hat es bei einem Wochenendausflug begleitet. Die Erzählung wechselt zwischen Cy, also dem Vater und der Tochter hin und her, wenn die Geschehnisse auch nicht immer aus ihren jeweiligen Perpektiven dargestellt werden. Carys Davies zaubert den Wilden Westen her, und das ist ein großer Verdienst dieses Romans für mich – auch wenn der wahre Wilde Westen etwas wilder gewesen ist, als dieser hier. Es ist heute kaum vorstellbar, dass es vor gar nicht allzu langer Zeit große Gebiete gegeben hat, die unbekannt und unkartographiert waren. Und auch wenn es bereits Karten zu diesen Gegenden gegeben hat, so waren diese für die meisten nicht zugänglich.

Carys Davies entführt uns in den Wilden Westen

Cy wagt sich also in diese unbekannte Welt vor, und folgt dabei einer Überzeugung, die keiner nachvollziehen kann. Sogar seine eigene Schwester hält ihn für verrückt. Ist er das tatsächlich? Oder ist er ein Mann, der nach dem Verlust seiner Frau kein Bleiben mehr in seinem Zuhause hat? Dass er mit seinem Vorhaben keinen Erfolg haben wird, ist für den heutigen Leser keine Frage. Ein Don Quijote des Wilden Westens, mit einem Indianer in der Rolle des Sancho Panza…

Dass er nie aufgibt, auch als ihm Zweifeln kommen, ist bemerkenswert und bewundernswert. Dass er seine kleine Tochter dabei praktisch alleine lässt was diese letztendlich in große Gefahr bringt), lässt ihn aber in einem anderen Licht erscheinen. Für mich liegt hier die Spannung des Romans. Nicht unbedingt darin, ob man seinen Träumen folgen soll, so verrückt diese auch sein mögen… sondern um den Gegensatz zwischen Selbstverwirklichung und Verantwortung.

Carys Davies lässt aber diese Spannung nie richtig aufwallen, was sehr schade ist. Auch die lange Reise im Wilden Westen erweist sich als eher harmlos (wenn letztendlich doch tragisch), die „wilden“ Indianer sind überall bereit, für einige bunte Perlen was zum Essen einzutauschen, und sogar der kaltherzige Händler, der wahrscheinlich seine eigene Mutter für gutes Geld verkaufen würde, erwärmt sich für das Schicksal dieser Familie.

Das Büchlein hinterlässt somit keinen sehr tiefen Eindruck, einzig die Sprache ist durchweg überzeugend, sowie die schöne äußere Gestaltung des Romans. Potential wäre genug da gewesen, aber die wenigen Stunden, die das Buch in Anspruch nimmt, sehe ich letztendlich trotzdem nicht als vergeudet. Eine eindeutige Leseempfehlung kann ich an dieser Stelle aber nicht aussprechen.

Über Carys Davies

Sehr viel lässt sich über die Autorin nicht in Erfahrung bringen, aber immerhin hat sie eine Webseite, wo ihre Werke vorgestellt werden – allerdings bleibt auch diese wortkarg, wenn es um ihr Leben geht. Sie wurde in Wales geboren und wuchs in den Midlands auf. Lebte und arbeitete für zwölf Jahre in New York und Chicago, lebt inzwischen aber in Edinburgh. Vor diesem Roman hat sie zwei Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht, „Some New Ambush“ und „The Redemption of Galen Pike“. Letzterer wurde 2015 mit dem Frank O’Connor International Short Story Award und dem 2015 Jerwood Fiction Uncovered Prize ausgezeichnet.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Weitere Meinungen zum Buch:

Buchperlenblog

Leseschatz

Letusreadsomebooks

Der erste Satz:

Wie es aussah, würde er zwei Gewehre, ein Beil, ein Messer, die eingerollte Decke, die große Blechkiste, verschiedene Taschen und zusammengeschnürte Bündel mitnehmen.

Impressum:

Autor: Carys Davies
Titel: West
Übersetzung aus dem Englischen: Eva Bonné
Seitenzahl: 204
Verlag: Luchterhand
Erschienen: 2019
© Luchterhand Literaturverlag

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