Christina Grätz, Manuela Kupfer: Die fabelhafte Welt der Ameisen

Die fabelhafte Welt der Ameisen, Rezension

Christina Grätz hat einen sehr ungewöhlichen Beruf: Sie ist Ameisenumsiedlerin. Ich wusste nicht einmal, dass es Ameisenumsiedler gibt, geschweige denn, was sie tun. Und überhaupt, ist diese Tätigkeit interessant genug, um darüber ein Buch zu verfassen?

Die Frage kann ich für mich mit ja beantworten. Ich hätte nie gedacht, dass Ameisen so spannend sind. Und dass dabei so ein Teilbereich, wie die Umsiedlung einzelner Nester auch interessant sein kann, davon haben mich die Autorinnen dann auch noch überzeugt. Ich muss aber zugeben, dass ich zunächst noch skeptisch war.

Die fabelhafte Welt der Ameisen – nicht immer so fabelhaft…

Warum müssen Ameisen umgesiedelt werden? Die Antwort ist überraschend einfach: Die meisten dieser kleinen Krabbler stehen unter Schutz. Gerade Waldameisen (von denen mehrere Arten in Deutschland leben – und übrigens gibt es über 13.000 Ameisenarten auf der Welt und etwa 110 leben davon in Deutschland) sind oft davon betroffen, dass gerade dort gebaut wird, wo sie leben. Seien es neue Autobahnen, Industriegebäude, Privatbau – die Betreiber dieser Bauarbeiten sind dazu verpflichtet, das Gebiet auf Ameisennester zu überprüfen und diese umsiedeln zu lassen. Hier kommt Christine Grätz ins Spiel. Die Diplom-Biologin hat zwar ursprünglich Botanik studiert, durch einen Zufall traf sie aber einen Ameisenumsiedler und war so fasziniert von dieser Arbeit, dass sie sie auch auslernte.

In Die fabelhafte Welt der Ameisen erzählt sie aus ihrem Alltag, wobei sie auch viele besondere Geschichten aus ihrer Erinnerung hervorholt. So eine Ameisenumsiedlung ist harte physische Arbeit, ich fand es ganz besonders faszinierend, dass eine Frau sie so erfolgreich ausführt. Waldameisen bauen nämlich riesige Nester. Ein Ameisenstaat kann aus mehreren hunderttausenden Ameisen bestehen. Im Schnitt dauert eine Umsiedlung 30 Arbeitsstunden, wobei nicht selten eine Tonne Material geschaufelt und geschleppt werden muss.

Die fabelhafte Welt der Ameisen
Waldameisennest (Foto von Pixabay)

Das ganze Nest wird in Papiersäcke gepackt und an einem anderen, ähnlich beschaffenen Ort wird alles wieder in umgekehrter Reihenfolge ausgekippt. Es muss wirklich alles mit eingepackt werden, damit die Ameisen ihr Nest wieder aufbauen können. Und natürlich muss man ganz besonders darauf achten, dass die Königinnen dabei nicht verloren gehen – ohne sie ist auch die Kolonie verloren. Die Ameisen fangen sofort an, Ordnung zu machen, verschüttete Kolleginnen auszubuddeln und ins Nest zu tragen, so dass so eine Umsiedlung nicht nur dramatisch für sie ist, sondern auch ungeheuer viel Arbeit bedeutet. Deshalb bekommen sie auch noch etwas Zucker, um Energie zu tanken.

Die faszinierende Welt der Ameisen

Neben den faszinierenden Einblicken in die Arbeit der Ameisenumsiedler erfahren wir auch faktisch sehr viel über die Ameisen. Nicht nur über die in Deutschland lebenden Arten, sondern generell über die Beschaffung und die Gewohnheiten der Tierchen. Von ihrem physischen Aufbau über ihre Lebensräume, Essgewohnheiten bis zu ihrer ganz besonderen Arbeitsteilung. Das ist eine geballte Ladung Wissen, das hier mitgeteilt wird. Durch die Abwechslung zwischen den Erzählung aus der Umsiedlungsarbeit und dem wissenschaftlicheren Teil wirkt das Buch aber trotzdem eher locker. Es lest sich sehr gut, auch wenn die vielen Informationen wie Ameisen im Kopf herumschwirren.

Und damit man nicht alles Wissenswerte selbst notieren muss, enthält das Buch am Ende noch eine Abschnitt mit der Überschrift „Partywissen“. Hier werden alle wichtigen (und teilweise skurrilen) Einzelheiten in leicht verdaulichen Häppchen noch mal aufgelistet. So muss man vor der nächsten Party nur noch die schnell durchlesen, um dann alle zu verblüffen. „Wusstest du eigentlich, dass es seit etwa 110 Millionen Jahren Ameisen gibt? Die haben schon mit den Dinosauriern zusammengelebt!“ „Und wusstest du, dass manchen Ameisen Sklaven halten?“

Die faktgeladenen Textteile stammen aus der Feder der zweiten Autorin, Manuela Kupfer. Da Christina Grätz aus ihrem Leben erzählt, rückt sie automatisch in den Vordergrund, für mich hat aber gerade der faktische Teil dieses Buch so wertvoll gemacht. Die beiden Teile fließen sehr schön ineinander, man sieht, dass die beiden darauf geachtet haben, einander immer das Stichwort zu geben. Es ist eine schöne Wechselwirkung zwischen den Abschnitten – wären es nur die Erzählungen von Christina Grätz, würde ich was vermissen, und genauso umgekehrt.

Mir hat das Buch sehr viel Spaß gemacht, und ertappe mich dabei seit dem immer dabei, wie ich überall nach Ameisen Ausschau halte. Ich hoffe, dass auch andere Lust darauf bekommen, mehr über sie zu erfahren.


Diverses

Vielen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Weitere Meinungen zum Buch:

Der erste Satz:

Ich stehe an den Lakomaer Teichen bei Cottbus vor einem geöffneten Waldameisennest, im Hintergrund die Silhouette der Erlenbrüche.

Impressum:

Autor: Christina Grätz, Manuela Kupfer
Titel: Die fabelhafte Welt der Ameisen
Seitenzahl: 285
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Erschienen: 2019
© Gütersloher Verlagshaus

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