Carl Frode Tiller: Der Beginn

Der Beginn von Carl Frode Tiller

Terje liebt im Sterben. Bald erfahren wir, dass er nach einem Suizidversuch ins Krankenhaus gekommen ist, wo ihn nun seine Mutter und seine Schwester besuchen. Seine Frau und seine Tochter sind auch schon auf dem Weg. Es ist aber zu spät – Terje stirbt, lässt aber noch mal sein Leben Revue passieren. Diesen Rückblick begleiten wir Leser, vom Endpunkt seines Lebens zurück bis zu seiner Kindheit.

Warum

Ob Terje die Frage nach dem Warum stellt? Der Leser tut es mit Sicherheit. Warum begeht ein erfolgreicher Familienvater Selbstmord, was hat ihn dazu getrieben? Gibt es eindeutige Antworten auf so eine Frage? Wahrscheinlich in den wenigsten Fällen, und so lässt es sich auch nicht eindeutig sagen, was Terje letztendlich dazu veranlasst hat, seinen Sicherheitsgurt zu lösen und sein Auto vor einen LKW zu lenken.

Je weiter wir aber in der Zeit zurückgehen, umso besser lässt es sich erkennen, welche Reise, welche Entwicklung Terje in seinem Leben durchgemacht hat. Die alkoholkranke Mutter, der Vater, der die Familie verlässt (und kurz davor auch auf den roten Knopf drückt, um seinen Sicherheitsgurt zu öffnen), die Schwester, die fünf Jahre älter ist und dadurch mehr Last tragen musste… das ist der Anfang der Geschichte. Und ein junger Mann, der langsam aber sicher die Kontrolle über sein Leben verliert.

Als Erwachsener scheint er die Kurve gekriegt zu haben. Er kämpft mit sehr viel Leidenschaft für die Umwelt. Zeigt aber deutlich weniger Leidenschaft für seine Mitmenschen. Wie stark er wirklich lieben kann, wissen die wenigsten. Was passiert aber, wenn das hart erarbeitete Leben auseinanderfällt? Die Antwort kennen wir bereits…

Fazit

Suizid, Depression, Alkoholismus… keine heitere Themen. Und auch wenn Terje viel lacht und seinen Humor immer wieder unter Beweis stellt (mit mehr oder weniger Erfolg), ist er kein glücklicher Mensch. Lachen soll zwar positive medizinische Wirkungen haben, auch wenn es kein ehrliches Lachen ist, über eine tiefe Depression kann es trotzdem nicht weghelfen. Hier könnte das Umfeld merken, dass jemand Hilfe braucht, die Anzeichen sind aber schwer zu deuten, wenn überhaupt.

„Der Beginn“ ist ein kluger Roman, der für mich zu den Highlights dieses Jahres gehört. Es ist keine einfache Geschichte, und wenn man es wirklich zulässt, geht sie tief unter die Haut. Das kann auch unangenehm sein, es ist also verständlich, wenn man beim Lesen versucht, auf der Oberfläche zu bleiben. Dann verpasst man jedoch ein großartiges Stück Literatur.

Über den Autor

Carl Frode Tiller ist ein norwegischer Schriftsteller, der auf Nynorsk schreibt. Das ist eine sehr interessante Tatsache, wenn man sich mit der norwegischen Sprache mal befasst hat (ich habe sie zwei Jahre lang studiert – habe allerdings Nynorsk nur am Rande ein wenig gelernt). Er ist nicht nur Autor, sondern auch Historiker, Musiker und Komponist. „Der Beginn“ ist bereits sein sechster Roman, und er hat auch einige Theaterstücke verfasst. Seine Band heißt Kong Ler (in Anlehnung an König Lear), ihr letztes Album scheinen sie jedoch vor fast 20 Jahren veröffentlicht haben… Hier kann man einen ihrer Songs anhören:

Ein spannender Autor, von dem ich noch mit Sicherheit weitere Bücher lesen werde.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Weitere Meinungen zum Buch:

Kuhle Bücher

Tausendléxi

Der erste Satz:

Ich öffnete die Augen, schloss sie, öffnete sie wieder.

Impressum:

Autor: Carl Frode Tiller
Titel: Der Beginn
Übersetzung aus dem Norwegischen: Ina Kronenberger und Nora Pröfrock
Seitenzahl: 347
Verlag: btb
Erschienen: 2019
© btb Verlag

2 Kommentare zu „Carl Frode Tiller: Der Beginn

  1. Mir war das Buch in der Vorschau aufgefallen, auch ich bin ja der norwegischen Literatur verfallen. Angesichts der Menge an Titeln hatte ich diesen Roman allerdings etwas außer acht gelassen. Es scheint ein Fehler gewesen zu sein. Nun kommt es auf die Leseliste. Viele Grüße

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