Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Dieses Buch ist ein Buch in einem Buch und erzählt in weiten Teilen darüber, wie man ein Buch schreibt… Und gleichzeitig is es auch ein Krimi, zwei Morde von vor über dreißig Jahren werden nach und nach aufgedeckt. Die etwa 730 Seiten sind schnell gelesen, Joël Dicker schreibt sehr flüssig und die Geschichte bleibt bis zum Ende interessant.

Woum geht es?

Marcus Goldman ist ein junger Schriftsteler, der nach seinem erfolgreichen ersten Roman nun damit kämpft, seinen Vertrag seinem Verlag gegenüber zu erfüllen und seinen zweiten Roman zu schreiben. Es sind aber inzwischen fast zwei Jahre seit seinem ersten Erfolg vergangen und er hat bis jetzt keine einzige Zeile zu Papier gebracht. In seiner Verzweiflung ruft er seinen alten Lehrer, Harry Quebert an, der ebenfalls Schriftsteller ist und fragt ihn um Rat. Er verbringt daraufhin einige Tage bei ihm in der kkleinen Stadt Aurora, kehrt aber uninspiriert nach New York zurück.

Hier erreicht ihn eine schreckliche Nachricht: im Garten von Harry Quebert wurde eine Leiche gefunden. Bald erfahren wir, dass es sich dabei um die vor 33 Jahren verschwundene Nola Kellergan handelt. Diese war zur Zeit ihres Verschwindens erst 15 Jahre alt. Harry wird verhaftet und es droht ihm die Todesstrafe. Das ganze Land ist schockiert zu erfahren, dass der berühmte Autor Harry Quebert eine Beziehung mit der jungen Nola hatte und sie allem Anschein nach umgebracht hatte.

Marcus glaubt als einziger an der Unschuld seines Lehrers und stellt seine eigene Ermittlungen an. Das Buch, das wir lesen, ist eigentlich sein Buch über diese Ermittlungen – denn die Nachforschungen helfen ihm dabei, endlich seine Schreibblockade zu lösen.

Eine schöne Liebesgeschichte?

Es ist eine verstörende Geschichte, die sich vor unseren Augen langsam entwickelt. Nach und nach erfahren wir, dass Harry Quebert sich mit 34 Jahren tatsächlich in eine 15jähriges Mädchen verliebt hat. Und das Buch versucht mit allen Mitteln, uns diese Liebe als romantisch und schön zu verkaufen. Die Liebe, die Dutzende von solchen tiefschlürfenden Dialogen bringt:

Sie legt den Kopf auf seine Brust. „Ich liebe Sie, Harry… Ich liebe Sie, wie ich noch nie jemanden geliebt habe.“

„Das sind die schönsten Ferien meines Lebens“, erklärte Harry.

Seite 310

Beim Lesen hatte ich dadurch nicht nur damit Probleme, diese Liebe zu einem jungen Mädchen als schön zu empfinden, sondern auch damit, sie überhaupt zu glauben. Auch wenn der Autor alles getan hat, mich an dieser Liebe glauben zu lassen. Vielleicht können sich andere vorstellen, dass ein 34jähriger Mann sich ernsthaft in ein Mädchen verlieben kann, das bei jeder Zurückweisung zu weinen anfängt und verzweifelt fragt, ob sie denn nicht hübsch genug wäre…

Die Dialoge zwischen den „Liebenden“ waren aber nicht die einzigen, die mich teilweise verzweifeln ließen. Die Mutter von Marcus hat als einziges Thema das Liebesleben ihres Sohnes, erweist sich dabei als ausgesprochen homophob und auch sonst scheint sie geistig auf dem Niveau eines Kleinkindes zu sein. Als sie erfährt, dass ihr Sohn sich mit Harrys Fall befasst, ist sie außer sich:

„Markie, Schatz, hör zu, ich muss dich was fragen: Bist du in diesen Harry verliebt?“

„Nein! Natürlich nicht!“

Ich hörte sie zu meinem Vater sagen: „Er sagt Nein, was so viel heißt wie Ja.“ Dann fragte sie mich im Flüsterton: „Hast du diese Krankheit? Deine Mama liebt dich auch, wenn du krank bist.“

„Was? Welche Krankheit?“

„Die Männer kriegen, wenn sie allergisch auf Frauen sind.“

Seite 209

Dass dieses Buch trotz dieser (und anderen) Schwächen interessant bleibt, liegt einerseits daran, dass es einige wirklich interessante Figuren gibt, wie Nola (wenn sie mal nicht mit Harry redet) oder Luther, der nicht nur der Fahrer eines Milliardärs ist, sondern auch ein begnadeter Künstler. Andererseits schafft es Joël Dicker den Mordfall zwar kompliziert und langsam aber auch spannend zu erzählen.

Letztendlich war ich also doch bis zum Ende am Ausgang dieser Geschichte interessiert, wenn auch nur wenige Figuren es in mein Herz geschafft haben.


Diverses

Der erste Satz:

Das Buch war in aller Munde.

Impressum:

Autor: Joël Dicker
Titel: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
Übersetzung aus dem Französischen: Carina von Enzenberg
Seitenzahl: 727
Verlag: Piper
Erschienen: 2013
© Piper Verlag GmbH

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