Tillmann Bendikowski: Ein Jahr im Mittelalter

Rezension Tillmann Bendikowski Ein Jahr im Mittelalter

Geschichte ist, je länger sie zurückliegt, umso weniger greifbar. Wir können uns noch ein ganz gutes Bild davon machen, wie das Leben vor einigen Jahrzehnten war. Wenn wir aber Jahrhunderte in der Zeit zurückgehen, fällt es schon schwerer, uns unsere Vorfahren in ihrem Alltag vorzustellen. Hier schafft dieses vortreffliche Werk von Tillmann Bendikowski Abhilfe.

Die allermeisten Menschen löffeln tagein, tagaus im Prinzip die gleiche Suppe – oder besser gesagt: den gleichen Brei. Dafür wird grobes Mehl zu einer fleischlosen Masse gekocht. Dieser Brei ist das tägliche Brot der armen Leute. Das wichtigste Breigetreide ist der Hafer, Haferbrei ist die Grundnahrung schlechthin.

Seite 121

Der Autor bringt uns ins 12. Jahrhundert, ins Jahr 1164 zurück, zu dem Tag, an dem die Gebeine de Heiligen Drei Könige nach Köln gebracht werden. Monat für Monat geht es dann voran, von Juli bis Juni, aber letztendlich steht kein konkretes Jahr im Mittelpunkt. Den groben Rahmen bietet das 12. Jahrhundert, viele der Bilder aber, die das Erzählte unterstreichen sollen, stammen aus anderen Jahrhunderten. Ein Zeichen dafür, dass sich im Mittelalter Veränderungen langsamer vollzogen, als zum Beispiel in unserer Zeit.

Das ist mit ein Grund dafür, warum das Mittelalter uns, heutigen Betrachtern, so fremd erscheint. Der totale Mangel an Hygiene, die absolute Unsicherheit des Lebens – heute zumindest für die meisten von uns kaum vorstellbare Umstände.

Was ist am 12. Jahrhundert so spannend? In diesem Jahrhundert entwickelte sich das Leben in den Städten. Immer mehr Menschen zogen vom Land in diese sich neu bildenden Siedlungen. Zwar sind Städte keine neue Entdeckung, die Römer kannten sie auch, aber lange Zeit waren sie nicht in Mode. Anders ist es jetzt. Zwar ist das Leben in einer Stadt, vor allem in der Hitze der Sommermonate kein Zuckerschlecken (man denke nur an den Gestank…), doch weg hier will keiner. Im Gegenteil, immer mehr Menschen suchen hier in neues Zuhause. Um 1150 gab es in ganz Mitteleuropa etwa 200 Städte – ein Jahrhundert später sind es bereits um die 1500! Klar, die Bewohnerzahl reicht nicht unsere heutigen Großstädte heran, in den meisten leben gerade mal 2000 Einwohner.

Spannend ist diese Zeit auch wegen den Kreuzzügen. Es ist die Zeit der Ritter, eine fast alles bestimmende Rolle spielt aber der Klerus. Bendikowski konzentriert sich in seinem Buch nicht auf die oberste Schichte der Kaiser, Könige und Päpste, viel lieber erzählt er von den einfachen Bauern, den Mönchen und Nonnen, die Räubern und Händlern. Sein Stil macht das Lesen zu einer Freude, auch weil er nicht nur locker, sondern auch humorvoll erzählen kann. So auch hier, als es darum geht, warum für Ritter die Pferde so wichtig waren:

Sie sind die wichtigsten tierischen Gefährten des adligen Kämpfers. Besitzt dieser kein Pferd, ist er zunächst einmal ein schlichter Fußgänger mit großem Mundwerk, der seine ganze Ausrüstung mühsam auf dem Buckel durch die Gegend schleppen muss – schon bei jeder halbwegs ordentlichen Rüstung ein Ding der Unmöglichkeit.

Seite 85

Doch nicht nur Ritter kampfen hier mit Schwierigkeiten. Hungersnöte sind nicht selten, so auch Seuchen nicht, die viele Tausende von Menschen töten können. Und es gilt eine gesellschaftliche Ordnung, in der es nicht einfach ist, aufzusteigen. Auch in scheinbar ähnlichen Positionen gibt es Unterschiede, je nach Geschlecht. So gelten Nonnen auf keinen Fall mit Mönchen gleichrangig beziehungsweise gleichwertig. „So sind selbst die frommsten Nonnen in dieser Zeit so etwas wie die armen Verwandten der frommen Mönche.“ (Seite 217)

Tillmann Bendikowski zeigt viele Aspekte des mittelalterlichen Alltags in seinem Buch auf – Lust darauf, in diese Zeit zu reisen, bekommt man dabei nicht unbedingt. Es ist aber eine interessante, wenn auch fremde Welt. Mir hat das Lesen viel Spaß gemacht, es hat mich aber auch zum Nachdenken gebracht. Es ist so viel Wissen mit dem Untergang des Römischen Reichs vergangen, auf den Ruinen römischer Städte entstand nur ganz langsam unsere heutige Zivilisation. Woran das wohl lag?

Dieses Buch eignet sich sehr gut zu dieser dunklen Jahreszeit, ich kann es an dieser Stelle nur empfehlen.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Heute ist kein Tag wie jeder andere: In Köln strömen die Menschen zusammen, niemand kann sie zählen, vermutlich sind es Tausende.

Impressum:

Autor: Tillmann Bendikowski
Titel: Ein Jahr im Mittelalter
Seitenzahl: 446
Verlag: C.Bertelsmann
Erschienen: 2019
© C.Bertelsmann Verlag

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