Qiufan Chen: Die Siliziuminsel

Rezension Qiufan Chen Die Siliziuminsel

Über chinesische Science-Fiction weiß ich noch immer nicht sehr viel, außer dass ich alles von Cixin Liu gelesen und geliebt habe, was auf Deutsch erschienen ist. Das machte mir natürlich große Hoffnungen, als ich von Qiufan Chen gehört habe, vor allem, weil auch in seinem Fall die Rezensionen zum Großteil sehr positiv waren. Nun gehöre ich leider zu denen, die das Buch nicht besonders gut fanden.

Das Setting an sich ist interessant: Mitte des 21. Jahrhunderts, eine chinesische Insel, die nur „Siliziuminsel“ genannt wird, denn hier wird der Elektroschrott aus der ganzen Welt recycelt. Die Insel wird von drei Familien (den Clans) beherrscht, die Arbeit selbst wird von Wanderarbeitern (abschätzig Müllmenschen genannt) verrichtet, die in klapprigen Hütten hausen. Eine gar nicht so abwegige Vorstellung von unserer Zukunft.

Der Amerikaner Scott Brandle kommt in Begleitung seines Assistenten und Dolmetschers, Chen Kaizong auf die Insel. Er möchte hier eine Recyclingfabrik errichten. Sein Versprechen ist zwar verlockend, viel Geld, neue Arbeitsplätze, bei den Clans stößt er jedoch auf Widerstand. Chen Kaizong stammt ursprünglich von der Insel und besucht nun Familienangehörige, als er auf das Müllmädchen Mimi trifft. Junge trifft Mädchen, also verlieben sie sich. So wirklich nachvollziehbar ist diese Liebesbeziehung nicht, aber das ist nur einer der Punkte, wo ich dem Autor nicht wirklich glauben bzw. folgen konnte. Jedenfalls gerät Mimi bald in Gefahr und danach wird alles sehr sehr kompliziert in dieser Geschichte.

Das an sich wäre nicht schlecht, wenn man am Ende wüsste, worauf der Autor eigentlich hinauswollte, was die Motivation der einzelnen Figuren war… aber so weit ist es für mich zumindest nicht gekommen. Dies ist der erste Roman von Qiufan Chen, vorher war er aber bereits mit seinen Kurzgeschichten sehr erfolgreich. Und mein Gefühl ist, dass er für einen Roman (noch) nicht bereit war. Die Logik der Geschichte leidet an vielen Stellen, aber auch sprachlich verlässt sie ihn das ein oder andere Mal, seine Vergleiche machen teilweise gar keinen Sinn.

Kaizong duckte sich und bewegte sich plump wie ein gestrandeter Wal zum nächsten Schuppen.

Seite 365

Ich kann mich natürlich irren, aber meines Wissens schaffen es gestrandete Wale überhaupt nicht, sich zu bewegen. Sie sind auf die Hilfe von uns Menschen angewiesen, sonst sterben sie. Das ist aber nur eine der Metaphern, die meinen Lesefluss unterbrochen haben, weil das Bild nicht stimmig war.

Ein weiteres Problem waren für mich die Charaktere, die sehr zweidimensional wirkten, und meistens wenig bis gar keine eigene Geschichte hatten. Figuren, die ihre Rolle spielen mussten, um dann gleich wieder die Bühne zu verlassen – nur um bei einer Szene irgendwann später, wenn sie wieder nützlich waren, erneut aufzutauchen. Dafür gab es auch Figuren mit interessanten Geschichten, die aber insgesamt dann doch nicht wirklich einen Sinn ergaben.

Was mich aber am meisten gestört hat, war die gekünstelte Art, wie Qiufan Chen versucht hat, Spannung zu erzeugen. Wie bei einer Netflix-Serie ließ er am Ende der Kapitel etwas Rätselhaftes andeuten, nur um viel später dazu zurückzukehren und etwas überhaupt nicht Spannendes daraus machen zu lassen.

Qiufan Chen hat viele Fans, ich gehöre aber nach diesem Buch noch nicht zu ihnen. Bin aber gespannt darauf, was er noch schreiben wird und wie er sich entwickelt. Denn seine Themenwahl war bereits in diesem Buch erstklassig. Wir leben in einer Welt, die langsam im eigenen Müll versinkt. Was kommt auf die nächsten Generationen zu? Wie werden wir mit dieser Situation umgehen? Wer wird sich daran bereichern und wer sind die Verlierer? Das sind interessante und wichtige Fragen, und es freut mich sehr, dass ein junger Autor aus China sie aufgegriffen hat.


Diverses

An dieser Stelle möchte ich mich beim Bloggerportal ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken.
Der erste Satz:

Wolken jagten im Südosten dahin wie fliehende Pferde.

Impressum:

Autor: Qiufan Chen
Titel: Die Siliziuminsel
Übersetzung aus dem Chinesischen: Marc Hermann
Seitenzahl: 480
Verlag: Heyne
Erschienen: 2019
© Wilhelm Heyne Verlag

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.