Geoffrey West: Scale

Rezension Geoffrey West Scale

Geoffrey West (geb. 1940) ist ein britischer Physiker, der in Cambridge studiert und in Stanford promoviert hat. Obwohl er auch als theoretischer Physiker erfolgreich war, wurde er durch seine Arbeit in the theoretischen Biologie wirklich bekannt. Er schaffte es, die Art von wissenschaftliche Arbeit, die für die Physik charakteristisch ist, auf die Biologie anzuwenden, was ein neuartiger Ansatz war. Die grundlegende Frage dabei ist, ob man auch in der Biologie, in Organismen Gesetzmäßigkeiten erkennen kann. Mit dieser Frage befasst er sich auch in diesem Buch.

Man muss jedoch weder Physiker, noch Biologe sein, um seinen Gedanken folgen zu können. Er erklärt auf eine sehr verständliche Weise, und bringt immer wieder Beispiele, die auch kompliziertere Theorien verbildlichen. Leider verfüge ich nicht über seine Fähigkeit, das alles auch wiederzugeben, aber ich versuche hier zumindest seinen Ansatz wiederzugeben.

Seine Hauptaussage ist eine sehr spannende: alle Organismen unterliegen dem Skalierungsgesetz. Und diese Skalierung erfolgt nicht linear, sondern (unterschiedlichen gesetzmäßigkeiten folgend) fraktal.

Wenn wir das fälschlicherweise anders sehen, dann liegt dem unsere natürliche Neigung zu linearem Denken zugrunde, die sich hier in der Annahme verbirgt, die Verdopplung der Größe eines Lebewesens würde auch dessen Kraft verdoppeln. Wenn es so wäre, wären wir 10 Millionen Mal so stark wie Ameisen und könnten eine Tonne – 1000 Kilogramm – tragen oder, wie Superman, mehr als 10 Menschen.

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Diese Frage ist nicht nur des Fragens willen wichtig. Würden wir immer von einer linearen Skalierung ausgehen, weil das nun mal logisch ist, würden wir von einem Medikament, von dem ein Erwachsener eine Tablette nehmen soll, einem Kind voraussichtlich eine halbe Tablette geben. Oder seinem Gewicht entsprechend ausrechnen, wieviel es davon kriegen soll. Wenn wir jedoch wissen, dass in Wirklichkeit das ganz falsch ist, und nach fraktaler Skalierung das Kind nicht die hälfte der Tablette, sondern nur einen kleineren Bruchteil erhalten soll, können wir schlimme Unfälle vermeiden.

Das Skalierungsgesetz nachzuweisen reicht Geoffrey West aber nicht, er geht auch der Frage nach, ob diese Skalierung obere und untere Grenzen hat. Diese Grenze kann sich auf vieles beziehen, so zum Beispiel auf die Größe von Säugetieren (warum gibt es kein kleineres Tier, als die Spitzmaus und kein Größeres als die Wal?), aber auch auf unsere Lebensspanne. Wie lange kann eine Spitzmaus, ein Elefant oder ein Mensch maximal leben? Gibt es da eine obere Grenze? Warum wachsen zum Beispiel wir Menschen nach einem Zeitpunkt nicht mehr, obwohl wir auch weiterhin essen? Und warum leben wir nicht 200 jahre lang?

Mit diesen und anderen ähnlich interessanten Fragen befasst er sich im ersten und längsten Teil des Buches. Seine Ideen, Theorien stützt er mit zahlreichen Ergebnissen aus Untersuchungen. Im weiteren Teil des Buches wendet er sich seiner Theorie zu, die vorher beschriebenen Gesetzmäßigkeiten würden auch auf Städte und sogar Unternehmen zutreffen. Hier allerdings fehlen ihm die Daten, und wirklich überzeugende Aussagen zu treffen, und das Buch verliert hier dadurch auch deutlich an Kraft und Spannung. Im ersten Teil ging es wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod. Ich war als Laie fasziniert und inspiriert, konnte das Buch nicht aus der Hand legen. Ganz anders erging es mir mit den letzten beiden Teilen, und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum er sie überhaupt veröffentlicht hat, wenn er auch selbst mehrmals eingestehen muss, dass ihm nicht genügend Daten zur Verfügung stehen.

Eine Antwort habe ich auf diese Frage nicht, nur die Ahnung, dass ihm die Idee an sich interessant und wichtig genug war, um sie mitzuteilen. Um überhaupt das Gespräch zu entfachen und vielleicht andere dazu anzuspornen, den Theorien nachzugehen.

Insgesamt auf jeden Fall ein lohnendes Leseerlebnis. Und nicht nur, weil ich jetzt dank Geoffrey West weiß, ob es Godzilla tatsächlich geben könnte, oder nicht…


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Bewertung:

⭐⭐⭐⭐

Der erste Satz:

Leben ist wahrscheinlich das komplexeste und facettenreichste Phänomen, das es im Universum gibt.

Impressum:

Autor: Geoffrey West
Titel: Scale. Die universalen Gesetze des Lebens von Organismen, Städten und Unternehmen
Übersetzung aus dem Englischen: Jens Hagestedt
Seitenzahl: 478
Verlag: C.H. Beck
Erschienen: 2019
© Verlag C.H. Beck oHG

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