Nick Hunt: Mit dem Wind

Nick Hunt Mit dem Wind

Nick Hunt ist am liebsten zu Fuß unterwegs und hat (aus meiner Sicht zumindest) den perfekten Job. Er schreibt nämlich Bücher und Artikel über seine Wanderungen. Für sein neustes Buch „Mit dem Wind“ hat er sich vorgenommen, sich an die Fersen von vier der bekanntesten Winde in Europa zu haften. Unterwegs macht er sich nicht zu Wind und Wetter, sondern auch zu Kultur und Geschichte der jeweiligen Gegend Gedanken.

Ich hatte die Nase auch voll von den Bergen, den Tälern, dem Licht; ich hatte die Nase voll vom Wind.

Seite 302

Diese Frustration löst der hier in Bayern wohlbekannte (und von vielen verdammte) Föhn in ihm aus, aber auch der Helm, der Mistral und der Bora machen ihm das Leben nicht immer leicht. Und das teilt bereits etwas darüber mit, was er während seiner Reisen erfährt. Wir sind dem Wind gegenüber nicht neutral. Sie lösen in uns nicht nur – mal positive, mal negative – Gefühle aus, sie werden auch für Krankheiten verantwortlich gemacht, lassen ganze Dörfer abbrennen, und waren das eine oder andere Mal auch bereits kriegsentscheidend.

Warum aber ist Nick Hunt auf der Suche nach dem Wind? Er führt das auf eine Erinnerung aus seiner Kindheit zurück. Mit nur acht Jahren hat er einen heftigen Sturm erlebt, bei dem ihn der Wind fast davongetragen hätte. Diese Kindheitserinnerung lebt so stark in ihm, dass er sich wohl sebst wundert, warum er sich als Erwachsener nicht in der Meteorologie eine Karriere gefunden hat, aber dafür reichte wohl sein Interesse doch nicht aus. Erst jetzt, fast dreißig Jahre später spürte er das Verlangen, mehr über zumindest einige der Winde Europas zu erfahren.

Diese Geschichte ist eine der wenigen Schwachstellen für mich in diesem Buch. Diese Einführung, diese gekünstelt wirkende Erinnerung an einen Sturm in der Vergangenheit wirkt nicht echt. Und das ist schade, weil das Buch sonst von seiner Authentizität lebt. Nick Hunt verstellt sich nicht und gibt seine Reiseeindrücke auch immer unverschönt zurück. Wenn ihm Orte oder Menschen nicht gefallen, verschweigt er das nicht. Und das macht ihn umso sympathischer. Dafür hält er sich an anderen Stellen, wo ihn die Schönheit der Naturereignisse überwältigt, mit seiner lyrischen Sprache nicht zurück.

Der Horizont verwandelte sich von einer verschwommenen Linie, die aussah, als wäre sie mit einem Wachsmalstift gezogen, in einen gestochen scharfen Bleistiftstrich. Die Wellen des silbergesprenkelten, leuchtenden Meeres wurden vom Strand weggetrieben wie das Fell eines Tieres, das gegen den Strich gebürstet wird; riesige Katzenpfoten kräuselten die Wasseroberfläche und drückten die Schaumkämme fächerförmig gen Süden.

Seite 204

In diesem Buch geht es um sehr viel mehr als um das Wetter oder um das Unterwegssein. Ja, es ist ein Reisebuch, ein Reisebericht. Wir begleiten Nick Hunt, wie er manchmal mit dem Zug, aber meistens zu Fuß unterwegs ist. Wie er bei beißender Kälte oder strömendem Regen in seinem Zelt zitternd übernachtet. Oder sich in einem Akazienwald verläuft und ihm dabei das Wasser ausgeht. Es ist aber auch eine Kulturgeschichte der Länder, in denen sie wehen. Es geht um die Menschen, die vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden schon diesen Winden begegnet sind und noch heute mit ihnen leben. Ein Meteorologe hätte mit Sicherheit ein ganz anderes Buch über diese Winde geschrieben. Es hätte aber nur halb so viel Spaß gemacht, wie den Gedanken von Nick Hunt zu folgen.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Meine Bewertung:

Bewertung: 4 von 5.

Der erste Satz:

Es war im Jahre 1987, als ich zum ersten Mal um ein Haar vom Wind davongepustet worden wäre.

Impressum:

Autor: Nick Hunt
Titel: Mit dem Wind. Wanderungen vom Atlantik bis zum Mittelmeer
Übersetzung aus dem Englischen: Leon Mengden
Seitenzahl: 416
Verlag: btb
Erschienen: 2019
© btb Verlag

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