Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln

Schalansky_Atlas der abgelegenen Inseln

Das Bild der abgelegenen einsamen Insel hat in mir bis jetzt immer romantische Vorstellungen hervorgerufen. Was verbinde ich mit einer einsamen Insel? Robinson Crusoe, die Schatzinsel und einige der besten Geschichten von Jules Verne. Die Literatur liebt die einsame Insel mitten im Meer oder Ozean. Und auf die Frage, was ich auf eine einsame Insel unbedingt mitnehmen würde, war meine Antwort immer: ein paar Bücher.

Nun hat Judith Schalansky mir diese romantischen Vorstellungen vom Leben auf einem kleinen Fleck Land, ungestört von der Zivilisation, mit einem Schlag genommen. Ich bin ihr dafür nicht böse, das auf keinen Fall, aber nachdem ich ihr Buch „Atlas der abgelegenen Inseln“ gelesen habe, habe ich nicht nur ein völlig anderes Bild von der einsamen Insel, mir ist auch die Lust vergangen, irgendwann mal auf einer zu landen. Und sollte jemand diese Zeilen auf einer kleinen Insel lesen und zufällig dieses Buch dabei haben… bitte erst auf dem Kontinent lesen!

Die abgelegene Insel ist von Natur aus ein Gefangnis; eingeschlossen von den monotonen, unüberwindbaren Mauern eines hartnäckig anwesenden Meeres und fernab der Handelsrouten gelegen, welche die Überseekolonien wie Nabelschnüre mit dem Mutterland verbinden, eignet sie sich als Sammelplatz für alles Unterwünschte, Verdrängte und Abwegige.

Seite 17-18

Die Insel wird in diesem Buch Gefängnis und auch Hölle genannt. Judith Schalansky besucht 50 entlegene Inseln auf dieser virtuellen Reise mit uns (virtuell in jeder Hinsicht, die Autorin kennt die Inseln auch nur aus der Entfernung) und erzählt jeweils eine Geschichte zu ihnen, wahre Geschichten. Die Geschichten werden von ihren jeweiligen Karten begleitet, die Illustrationen stammen auch allesamt von Judith Schalansky. In der Einleitung zum Buch erzählt sie von ihrer Liebe zu Atlanten, und diese Liebe ist hier allgegenwärtig. Es macht Freude, im Buch zu blättern und die kleinen Details zu entdecken. Am Anfang jeder Geschichte finden wir Informationen zu Insel – wie groß ist sie, wie viele Menschen (wenn überhaupt) leben dort, zu welchem Land gehört die Insel, wie wird sie sonst noch genannt. Dann kommen Linien und Zahlen, die verraten, wie weit die Insel von anderen Orten ist, schlielich kommt noch eine Zeitlinie mit Informationen zur Entdeckung der Insel und anderen wichtigen Ereignissen.

Das Gefühl, das beim Lesen des Buches entsteht ist, als würden wir tatsächlich in einem Atlas blättern, hin und wieder auf einen kleinen Punkt darin zeigen, und jemand würde uns dann etwas zu diesem unscheinbaren Punkt mitten im großen Blau etwas erzählen. Das macht Spaß, und es macht Lust darauf, weiter zu recherchieren. Jede weitere meiner Recherchen hat mir neue Geschichten gebracht. Ein kurzes Buch mit kurzen Geschichten, das aber ewig lang weitergelesen und gedacht werden kann. In einer der Geschichten geht es zum Beispiel um Robert Dean Frisbie, der zwar in Cleveland geboren und aufgewachsen ist, sein späteres Leben aber auf den Cookinseln verbracht hat. Das fand ich interessant und habe mehr über ihn erfahren wollen. Er hatte auf den Inseln eine Familie gegründet, und eine seiner Töchter, Ngahra Frisbie, hat dann später einen Schauspieler geheiratet. Der Schauspieler hieß Adam West – der in den 60er Jahren als Batman berühmt geworden ist.

Man muss aber das Buch nicht verlassen, um Spaß daran zu haben. Die einzelnen Geschichten können auch voneinander unabhängig gelesen werden, man kann immer wieder mal darin blättern und sich eine aussuchen. Ich hoffe, irgendwann kommt dazu ein Fortsetzung, denn 50 Inseln sind mir definitiv zu wenig.


Diverses

Meine Bewertung:

⭐⭐⭐⭐⭐

Der erste Satz:

Ich bin mit dem Atlas groß geworden.

Impressum:

Autor: Judith Schalansky
Titel: Atlas der abgelegenen Inseln
Seitenzahl: 144
Verlag: mare
Erschienen: 2009
© mareverlag

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