Blake Crouch: Gestohlene Erinnerung

Blake Crouch Gestohlene Erinnerung

Eine mysteriöse Krankheit bringt immer mehr Menschen dazu, verwirrt zu sein oder sich gar umzubringen. Plötzlich haben sie Erinnerungen an ein anderes Leben, das sie geführt haben. Die Erinnerung wirkt sehr realistisch, als hätten sie sie tatsächlich erlebt, doch scheint alles darauf hinzuweisen, dass diese Erinnerungen falsch sind und die Begebenheiten, an die die Menschen sich erinnern, nie stattgefunden haben. Als Detektiv Barry Sutton zu einer Frau gerufen wird, die von einem Gebäude springen will, wird er direkt mit dem False Memory Syndrom konfrontiert. Die Frau erzählt ihm vor ihrem Leben mit ihrem Mann und ihrem Sohn – nur ist dieses Leben anscheinend nur in ihrem Kopf existent. Ihren Sohn gibt es nicht, und als sie ihren vermeintlichen Mann aufspürt, streitet dieser ab, sie zu kennen. Der Verlust der Familie, die Verwirrung über ihre eigene Existenz führt dazu, dass die Frau tatsächlich springt, Detektiv Sutton kann sie nicht retten. Er geht der Sache nach, doch bald ist seine Erinnerung an den Selbstmord auch nur noch eine falsche Erinnerung…

Die Neurologin Helena Smith will ihrer Mutter helfen, die an Alzheimer leidet. Sie will mithilfe eines speziellen Stuhls frühere Erinnerungen wieder so lebendig machen, als wären sie gerade erlebt worden. Nur fehlt ihr die nötige Finanzierung, um ihre Forschungen weiterzuführen. Da kommt das Angebot eines reichen Unterstützers sehr gelegen…

Die zwei Erzähllinien von Barry und Helena laufen zunächst parallel zueinander, wenn auch zeitlich versetzt. Und Zeit ist in diesem Roman das Schlüsselwort. Was ist Zeit? Und vor allem: wie existieren Vergangenheit und Gegenwart im Bezug zueinander? Besteht zwischen den beiden eine unüberwindbare Barriere oder besteht die Möglichkeit, die Vergangenheit wieder zu erleben oder sogar zu ändern?

Ein sehr spannendes Thema wird hier von Blake Crouch sehr gekonnt erzählt. Ich bin kein Fan von Thrillers, aber da dieser sich sehr nach Science-Fiction anhörte, war meine Neugier schnell geweckt. Zunächst war ich jedoch skeptisch, und als eine Figur, die eine Wissenschaftlerin sein soll, und unter deren Lieblingsbüchern zwei Klassiker der Physik sich befinden, das Lichtjahr als Zeiteinheit betrachtet, sah ich meine Skepsis bestätigt.

Sie will es ihm nicht sagen, aber bis der Stuhl so weit ist, werden noch Jahre vergehen. Lichtjahre.

Seite 19

Das ist gerade in einem Buch, in dem es vorranging um Zeit und um Physik geht, ein unverzeihlicher Fehler. Aber wenn man sich darüber hinwegsetzen kann, wie ich es getan habe, wird man mit einer tollen Geschichte belohnt. Denn Crouch geht in seinem Storytelling einen Schritt weiter, als was man ursprünglich vielleicht erwartet hätte. Die Geschichte scheint sich schnell auf einen sehr eindeutigen Kampf zwischen Gut und Böse zuzuspitzen, aber irgendwann kommt ein Punkt, ab dem das Böse gar nicht so einfach zu erkennen ist. Ab hier verliert das Buch zwar an Tempo, gewinnt aber an anderen Qualitäten dazu. Das macht dieses Buch dann wirklich lesenswert. Es bringt den Leser zum Nachdenken und obwohl es mit Ideen spielt, die nicht neu sind (in die Vergangenheit zurückkehren und so die Zukunft ändern), passiert dies doch auf eine interessante, neuartige Weise.

Insgesamt eine tolle Unterhaltung, ein Buch, dass ich gerne empfehle.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Meine Bewertung:

Bewertung: 4 von 5.

Der erste Satz:

Barry Sutton hält in der Feuerwehrzufahrt am Haupteingang des Poe Buildings.

Impressum:

Autor: Blake Crouch
Titel: Gestohlene Erinnerung
Übersetzung aus dem Englischen: Rainer Schmidt
Seitenzahl: 432
Verlag: Goldmann
Erschienen: 2020
© Wilhelm Goldmann Verlag

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.