Jill Lepore: Diese Wahrheiten

Rezension Jill Lepore Diese Wahrheiten

Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika auf knapp tausend Seiten zu erzählen ist keine kleine Herausforderung. Jill Lepore schafft es dabei, auch noch unterhaltsam zu bleiben, Zusammenhänge herzustellen und neben den bekannten historischen Figuren auch weniger bekannte Namen ins Rampenlicht zu stellen. All diese Aspekte, und Lepores Fähigkeit, auch wohlbekannte Ereignisse spannend zu erzählen, machen dieses Buch großartig und lesenswert.

Geschichte ist immer relevant. Man sagt, sie wiederhole sich, und eigentlich sollte man – insofern man sie gut genug kennt – aus ihr lernen und Fehler vermeiden können. Es war verblüffend zu lesen, wo die Probleme, mit denen die USA heute zu kämpfen haben, ihren Ursprung haben und wie die Polarisierung der Gesellschaft entstanden ist. Dass Rassismus und Ungleichheiten von Anfang an eine Rolle gespielt haben, ist zwar nicht überraschend, man ist trotzdem überwältigt davon, dass die Probleme nicht nur nicht gelöst werden konnten, sie sind heute noch ein Grund für Gewalttaten.

Überrascht hat mich, dass die Frage einer allgemeinen Krankenversicherung auch bereits eine über hundert Jahre alte Geschichte hat. Es gab immer wieder Versuche, eine Krankversicherung gesetzlich zu machen, aber diese Versuche scheiterten, einer nach dem anderen.

Die Gegner bezeichneten die allgemeine Krankenversicherung als „Unamerikanisch, Unsicher, Unwirtschaftlich, Unwissenschaftlich, Ungerecht und Skrupellos“.

Seite 463 – das Jahr ist 1917

Aber auch politische Figuren scheint es immer wieder vom gleichen Schlag zu geben… hier geht es um Trumans Herausforderer Thomas Dewey:

Aus Kentucky klagte das Louisvile Courier-Journal: „Kein zukünftiger Präsidentschaftskandidat wird für diese Aufgabe so ungeeignet sein, dass vier seiner bedeutenden Reden sich zu diesen historischen vier Sätzen eindampfen lassen. Landwirtschaft ist wichtig. Unsere Flüsse sind voller Fische. Man kann keine Freiheit ohne Freiheit haben. Unsere Zukunft liegt vor uns.“

Seite 659
Jill Lepore auf der Frankfurter Buchmesse 2019
Jill Lepore auf der Frankfurter Buchmesse 2019

Lepore erzählt die Geschichte der USA von den Anfängen im Jahr 1492 ganz bis zum heutigen Tag, bzw. bis 2016, also ungefähr bis zu dem Punkt, als sie das Buch beendet hat. Die Historikerin (Jahrgang 1966) unterrichtet seit Jahrzehnten die Geschichte des Landes, und daraus ist die Idee entstanden, ein Buch zu schreiben. Dass sie diese Geschichte sehr gut kennt, merkt man an den vielen Details, die sie in ihre Erzählung mit reinbringt. Ihr Unterricht hat sie wahrscheinlich gelehrt, auch darauf zu achten, die Figuren mit Charakter zu versehen. Wir kennen viele der Namen und die Taten, aber die Persönlichkeiten hinter ihnen gehen oft verloren. Ihre Beschreibungen machen die Bilder lebendig – so zum Beispiel als sie Walter Lippmann uns vorstellt:

Der Nadelstreifendreiteiler kleidete Walter Lippmann so gut wie einen Tiger das Fell, aber eine Ahnung von seinem Scharfsinn boten seine hochgezogenen Augenbrauen, die an eine Pfeilspitze erinnerten.

Seite 442

Oder über Bill Clinton erzählt:

Als Ivy-League-Absolvent und Progressiver mit nachweisbar starkem Engagement für Bürgerrechte kam er auch bei der neuen Parteibasis an. Und dennoch war er die ganze Zeit ein Schlawiner.

Seite 848

Mir hat dieses Buch sehr viel Neues erzählen können, aber es ist sicherlich auch für diejenigen eine interessante Lektüre, die sich mit der Geschichte der USA besser auskennen. Denn Geschichte ist immer – so gerne man es vielleicht anders haben möchte – subjektiv. Der Autor kann zwar große Ereignisse nicht ausklammern, kann aber darüber entscheiden, wie diese dargestellt werden. Und es obliegt auch dem Autor, darüber zu entscheiden, was wichtig genug ist, im Buch einen Platz zu bekommen und was nicht. In Jill Lepores Buch finden auch Menschen einen Platz, deren Namen warhscheinlich die Wenigsten kennen. Sie dienen oft als Archetypen und helfen dabei, die Geschichte des einfachen Mannes zu erzählen. Diese Figuren geben dem Buch eine eigene, besondere Atmosphäre, und das schafft ein unvergessliches Leseerlebnis.

Diese Wahrheiten von Jill Lepore ist ein großes Highlight in meinem Lesejahr, und ich hoffe, dass dieses Buch noch viele Leser finden wird.


Diverses

Vielen Dank an dieser Stelle an den C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Bewertung:

Bewertung: 5 von 5.

Der erste Satz:

Der Lauf der Geschichte ist nicht vorhersehbar, er ist so unregelmäßig wie das Wetter, so wechselhaft, wie Empfindungen.

Impressum:

Autor: Jill Lepore
Titel: Diese Wahrheiten
Übersetzung aus dem Englischen: Werner Roller
Seitenzahl: 1120
Verlag: C.H. Beck
Erschienen: 2019
© Verlag C.H. Beck oHG

2 Kommentare zu „Jill Lepore: Diese Wahrheiten

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