Zerbrochene Sterne – Science-Fiction aus China

Zerbrochene Sterne

Science-Fiction erlebt in China ein goldenes Zeitalter, und Cixin Liu hat mit seiner Trisolaris-Trilogie dafür gesorgt, dass dies zu einem globalen Phänomen geworden ist. Einen weiteren Namen muss man noch kennen, um zu verstehen, warum immer mehr Sci-Fi aus China in andere Sprachen übersetzt wird: der Übersetzer und Autor Ken Liu tut alles, was in seiner Macht steht, um chinesische Autoren weltweit bekannt zu machen. Ein Beispiel für seine großartige Arbeit ist „Zerbrochene Sterne“, eine Sammlung von Science-Fiction Erzählungen. Er hat in diesem Band 17 Geschichten von 14 Autoren versammelt. Sein Kriterium bei der Auswahl war wahrlich einfach – diejenigen Stories, die ihm in Erinnerung geblieben sind, haben es ins Buch geschafft, andere nicht. Eine sehr subjektive Sammlung also, wie es auch Ken Liu in seinem Vorwort beteuert, und kein Querschnitt der chinesischen Science-Fiction. Trotzdem bekommt hier der Leser mit Sicherheit einen guten Einblick ins Genre, was durch drei Essays am Ende des Buches noch mal abgerundet wird. Vor den Geschichten steht immer jeweils ein kurzer Text zum Autor, seinem Stil und seinen sonstigen Werken, eine sehr wertvolle und interessante Ergänzung. Nicht nur für Leser, aber auch für Verlage, die nach dem „nächsten Cixin Liu“ Ausschau halten. Aber auch Cixin Liu selbst ist mit einer Geschichte im Band vertreten – ein kluger Schachzug, denn so kann man seinen Namen groß auf das Cover drucken.

„Zerbrochene Sterne“ bietet tolle Geschichten, die zwar alle sehr unterschiedlich sind, doch einige Gemeinsamkeiten haben. Aliens, Reisen im Weltall, fremde Planeten und Kulturen tauchen hier nicht auf. Dafür scheinen chinesische Science-Fiction Autoren sehr stark an ihrer eigenen Kultur und Geschichte interessiert zu sein. Auch die Zeit spielt immer wieder eine wichtige Rolle. Und obwohl sehr viele dieser Autoren (habe zwar keine Statistik geführt, aber meinem Gefühl nach die Mehrheit) eine wissenschaftliche Ausbildung haben, sind märchenhafte oder Sagenelemente keine Seltenheit. Trotzdem kann man diess Geschichten nicht als Fantasy einstufen, neben harter Sci-Fi bekommen wir hier manchmal eine sonderbare Mischung aus Wissenschaft und Fiktion, die für einen westlichen Leser fremd wirken kann. Der Einstieg ist gerade in diese Geschichten nicht gerade einfach, es gab aber insgesamt glaube ich nur zwei, mit denen ich überhaupt nichts anfangen konnte. Aber es war trotzdem auch in diesen Fällen sehr interessant, zumindest zu versuchen, diese fremde Welt, diese fremde Art zu erzählen zu verstehen. Die Mehrheit der Geschichten wirkt weniger bis überhaupt nicht fremd, es sind großartige Stories, die den Leser mitreißen.

Meine Lieblingsgeschichte ist eindeutig „Großes steht bevor“ von Baoshu. Obwohl wir vor der Geschichte davor gewarnt werden, dass man Baoshus Werke am besten versteht, wenn man sich mit Chinas Kultur und Geschichte gut auskennt, fand ich sein großartiges Spiel mit der Zeit, mit dem zeitlichen Ablauf der Geschichte einfach genial. Seine Geschichte hat mich sofort mitgerissen und berührt, und auch sehr gut unterhalten. Auch Cixin Liu beweist es wieder einmal, dass er nicht nur die lange Form mit Bravour beherrscht. Auch seine Story, in der ein Mann von seinem zukünftigen Ich immer wieder angerufen und um Hilfe gebeten wird, wird mir lange in Erinnerung bleiben. Beide Geschichten von Han Song („U-Boote“ und „Salinger und die Koreaner“) haben mir sehr gut gefallen, tolle Ideen, ein Wahnsinnsvorstellungskraft. Von ihm würde ich gerne mehr lesen. „Zerbrochene Sterne“ von Tang Fei sollte man nicht spät nachts lesen (ich habe das leider getan), aus diesem Stoff werden Alpträume gemacht… Trotzdem oder gerade deshalb eine sehr würdige Geschichte, um dem Band seinen Titel zu geben.

Das sind nur einige der Geschichten, die mir sehr gut gefallen haben, und es lohnt sich alleine schon für diese, dieses Buch in die Hand zu nehmen. Es gibt aber noch so viele mehr, die lesenswert sind. Und überhaupt kann ich jedem nur empfehlen, der sich für eine etwas andere Art von Science-Fiction interessiert, dieser Sammlung eine Chance zu geben. Auch die drei Essays am Ende des Buches sind sehr interessant und geben jeweils aus einem anderen Blickwinkel einen Einblick in die Geschichte und Entwicklung der Science-Fiction in China.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Meine Bewertung:

Bewertung: 4 von 5.

Der erste Satz:

Ich erinnere mich noch, wie Sissi das erste Mal in meine Wohnung kam.

Xia Jia – Gute Nacht, Traurigkeit

Impressum:

Herausgeber: Ken Liu
Titel: Zerbrochene Sterne
Übersetzungen aus dem Chinesischen und Englischen: Karin Betz, Lukas Dubro, Johannes Fiederling, Marc Hermann, Kristof Kurz, Felix Meyer zu Venne und Chong Sen
Seitenzahl: 672
Verlag: Heyne
Erschienen: 2020
© Wilhelm Heyne Verlag

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