Richard David Precht: Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens

Richard David Precht Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens

Die Menschheit gleicht einem Verrückten, der weiß, dass sein Keller brennt und dass die Flammen sich immer schneller nach oben ausbreiten. Umso fiebriger baut er seinen Dachstuhl aus, um dem Himmel näher zu kommen. Warum hält er nicht inne, um zu löschen?

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Richard David Precht ruft in seinem Essay zum Innehalten auf und nutzt die Zeit, uns vom Dachstuhl auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Künstliche Intelligenz ist in aller Munde und die Entwicklung einer Superintelligenz, die irgendwann den Menschen ergänzen oder mit ihm verschmelzen könnte, scheint unabdingbar. Doch wenn wir mit Precht einen Schritt zurückgehen und erst mal die grundlegende Fage betrachten, ob so eine Superintelligenz überhaupt möglich ist und ob es nicht auch andere Themen auf unserem Planeten zu bewältigen wären, bevor wir uns dieser fragwürdigen Entwicklung widmen, erscheint doch alles in einem anderen Licht.

Ich habe dieses Buch mit großem persönlichem Interesse in die Hand genommen. Wer meinen Blog liest, weiß, dass ich Science-Fiction mag. Auch in meiner Arbeit habe ich Berührungspunkte mit KI, deshalb bin ich in jedem Fall sehr gespannt darauf, was in dieser Hinsicht die Zukunft bringt. Auf der anderen Seite bin ich aber absolut bei Precht, wenn er über die Zerstörung des Planeten und die Notwendigkeit redet, endlich etwas dagegen zu tun, wenn es denn nicht bereits zu spät ist.

Sollte es in hundert Jahren noch Historiker geben, werden sie über die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts wohl vor allem eines sagen: dass wir versuchten, wie die Götter zu werden, während wir gleichzeitig den Planeten so zerstörten, dass tatsächlich nur noch Götter auf ihm hätten leben können.

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Was die Entwicklung von KI angeht, stehen wir noch am Anfang des Weges. Man hat zwar das Gefühl, weil so viel darüber geredet wird, dass wir an der Schwelle zur Entstehung einer Superintelligenz stehen, aber davon sind wir noch sehr weit entfernt. Und wenn wir Precht glauben, dann kann es die Art von Superintelligenz, die in unserer Vorstellung der menschlichen Intelligenz zum Verwechseln ähnelt, gar nicht geben. Was wir heute haben – Maschinen, die den besten Go-Spieler der Welt besiegen oder Computer, die aus großen Mengen von Daten statistische Wahrscheinlichkeiten ziehen – ist eine schwache KI. Diese erleichtert unser Leben an einigen Gebieten und kann tatsächlich einige Menschen in ihren Berufen ersetzen (zum Beispiel U-Bahnfahrer oder unter gewissen Umständen auch Taxifahrer). Diese KI ist aber Lichtjahre von einem Data aus Star Trek oder Schwarzeneggers Terminator entfernt.

Precht fragt sich (und uns) auch, warum wir überhaupt nach der Entwicklung von intelligenter Technik streben. Diese Entwicklung wird von ihren Befürwortern als unabdingbar dargestellt. Sie wird mit Fortschritt gleichtgestellt, mit dem nächsten logischen Schritt unserer eigenen Entwicklung. Und wer dagegen ist (oder einfach erst mal das Feuer im Keller löschen möchte), der ist gegen den Fortschritt, der ist gegen unsere eigene Evolution – der ist von gestern und gehört am besten abgschafft. Richard David Precht hört in diesen Worten mehr mitzuschwingen und zieht Parallelen zwischen den Innovatoren der Silicon Valley (seien es Transhumanisten oder Posthumanisten) und mal den Nazis, mal den Kommunisten.

Der digitale Kapitalismus hat ein äußerst freundliches Lächeln, eine verspielte Kindergartenästhetik wie Googles Schriftzüge und einen unschuldigen Fortschrittsoptimismus wie ehemals die Jungpioniere der FDJ.

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Und der Vergleich scheint gar nicht mal so abwägig: Während ich das Buch gelesen habe, erschien die Nachricht, dass Elon Musks Firma Neuralink ein Gehirn-Implantat in ein Schwein eingebaut hat. Das klingt schon grausig genug, doch das eigentliche Ziel von Musk ist es, so ein Implantat in menschliche Gehirne einzubauen. Und das am liebsten noch in diesem Jahr (denn was sonst fehlt uns noch 2020).

Precht nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um Musk, Bezos & Co. geht – aber was anderes sind wir von ihm ja auch nicht gewohnt. Und ich finde es gut, dass er seine Gedanken ausspricht und die Leser zum Nachdenken anregt. Allerdings hatte ich auch das Gefühl, dass dieses Buch aus einer Art Rage entstanden ist, im Text schwingt sehr viel Verärgerung, wenn nicht gar Wut mit. Zum Ende hin, wo es um den Sinn des Lebens geht, wird es etwas ruhiger, aber hier läuft ihm dann die Zeit davon, ich hätte gerne mehr darüber erfahren, wie er unsere Zukunft sieht. Das, was er hier sagt, finde ich für den Anfang schon mal wertvoll und ich hoffe, dass er das Thema noch mal aufgreift (und ich denke, das wird er – denn über diese Themen spricht er generell oft).

Wir müssen, mit einem Wort, lernen, intelligenter mit Computern umzugehen, ihre Stärken und Schwächen besser einzuschätzen, ihre sinnvollen Einsatzfelder abzustecken und ihre Chancen und Gefahren klarer zu sehen.

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Es ist ein wichtiges kleines Buch, das einen guten Ansatz für weitere Diskussionen über die Themen künstliche Intelligenz, Fortschritt, Entwicklung, Menschheit und der Sinn des Lebens gibt. Zum Weiterlesen empfehle ich die auch von Precht zitierten Bücher „New Dark Age“ von James Bridle und „Novozän“ von James Lovelock. Und hoffentlich setzt auch Precht das Thema fort, denn ich glaube, er hat noch nicht alles gesagt.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Meine Bewertung:

Bewertung: 4 von 5.

Der erste Satz:

Dieses Buch ist der Essay eines Philosophen, der sich fragt, was künstliche Intelligenz mit unserem Selbst- und Menschenbild macht und wie sie unsere künftige Selbstverwirklichung beeinflusst.

Impressum:

Autor: Richard David Precht
Titel: Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens
Seitenzahl: 256
Verlag: Goldmann
Erschienen: 2020
© Wilhelm Goldmann Verlag

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