Charles Lewinsky: Der Halbbart

Charles Lewinsky Der Halbbart rezension

Eine gute Geschichte ist besser als eine schlechte Wahrheit.

Seite 510

In Charles Lewinskys neuem Roman geht es um einen Jungen, Sebi, der vor unseren Augen erwachsen wird. Und um einen Fremden, dessen Körper halb verbrannt ist und der von allen nur Halbbart genannt wird. Und um Grenzstreitigkeiten zwischen den Bewohnern der Talschaft Schwyz und dem Kloster in Einsiedeln, das von den Habsburgern unterstützt wird. Und um das Böse im Menschen, um Teufel und manchmal auch um Engel. Aber letztendlich geht es hier um Geschichten und um das Erzählen von Geschichten.

Der Roman spielt in der Schweiz des Mittelalters, Anfang des 14. Jahrhunderts. Sebi heißt eigentlich Eusebius und er ist etwa 11 jahre alt, als wir ihn kennenlernen. Er ist unser Ich-Erzähler, einer, der für sein Alter überraschend weise ist. Als ein Fremder in seinem Dorf auftaucht, lässt er sich von dessen Aussehen nicht abschrecken und bald entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden. Der Fremde muss etwas Furchtbares erlebt haben. Er hat kein Vertrauen zu den Menschen und es dauert lange, bis er seine Hütte abseits vom Dorf für ein Haus inmitten der Ortschaft verlässt. Aber auch die Bewohner des Dorfes müssen Vertrauen zu ihm fassen: Sein Körper ist zur Hälfte verbrannt, sein Gesicht ist davon auch betroffen, er ist geheimnisvoll, seine Vergangenheit unbekannt. Und er macht den Iten-Zwillingen Konkurrenz, die sich sonst um Kranke kümmern. Der Halbbart tut das nämlich auch, und mit deutlich mehr Erfolg. So ist er auch dann mit einem guten Rat zur Stelle, als Sebis Bruder Geni einen Unfall hat und im Sterben liegt.

Der Halbbart
Illustration in der Tschachtlanchronik: Schlacht am Morgarten (1315).

Der Roman besticht mit interessanten Figuren, aber noch mehr mit großartigen Sätzen und Geschichten. Man stelle sich ein jahr im Mittelalter vor. Der Sommer ist voller Arbeit. Man muss sich um seine Felder kümmern, um eine hoffentlich reiche Ernte zu haben, und sich auf einen langen und harten Winter vorbereiten. Im Winter hingegen kann man dann nicht viel tun und es wird einem sehr schnell langweilig. Das Teufels-Anneli, eine ältere Frau, weiß das sehr gut, und macht sich deshalb jedes Jahr im November auf den Weg und zieht durch die Dörfer des Tals. In jedem Dorf wird sie sehnsüchtig erwartet, denn sie kann Geschichten erzählen, wie niemand sonst. Als Gegenleistung möchte sie nur reichlich bewirtet werden. In ihren Geschichten spielt der Teufel immer eine große Rolle, und für die meisten ist der Teufel kein Fantasiewesen, er treibt sich tatsächlich mitten in unserer Welt herum – nur erkennt man ihn nicht immer oder erst zu spät. Glaube und Aberglaube sind ein wesentlicher Teil dieser Welt.

(…) den Beutel mit dem Ersparten habe ich im Grab von der Hunger-Kathi versteckt, weil es von der immer geheißen hat, sie seine eine Zauberin. Ich denke: Aberglaube ist sicherer als ein Wachhund.

Seite 24

Obwohl das Buch nach dem Fremden, nach Halbbart benannt ist, steht im Mittelpunkt Sebi. Der Junge, dessen Vater früh verstorben ist und dessen ältere Brüder unterschiedlicher nicht sein könnten. Geni ist ein besonnener, ruhiger Mann, Poli ist ein Hitzkopf, der Soldat werden will, wie sein Onkel. Der Halbbart scheint ein Mischung aus Ruhe und Leidenschaft, also etwa den beiden Brüdern, zu bilden, und könnte als eine Art Vaterfigur wegweisend für Sebi sein, dieser muss aber lernen, seinen eigenen Weg zu finden.

Charles Lewinsky erschafft eine Welt, die bei all ihrer Rauheit doch bestechend ist und zum Verweilen einlädt. Sebi erzählt und erzählt und man möchte nicht mehr, dass er aufhört. Mit seinen fast 700 Seiten ist das Buch ein echter Wälzer, fühlt sich aber nicht wie einer an. Die Sprache und die Figuren üben eine Zauberwirkung, einen magischen Sog aus. Die Nominierung das Romans für den Deutschen Buchpreis ist nicht überraschend, auch für mich war es ein echtes Highlight in diesem Jahr. An dieser Stelle also eine unbedingte Leseempfehlung!


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an den Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Bewertung:

Bewertung: 5 von 5.

Der erste Satz:

Wie der Halbbart zu uns gekommen ist, weiß keiner zu sagen, von einem Tag auf den anderen war er einfach da.

Impressum:

Autor: Charles Lewinsky
Titel: Der Halbbart
Seitenzahl: 688
Verlag: Diogenes
Erschienen: 2020
© Diogenes Verlag

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