Carla Berling: Klammerblues um zwölf

Carla Berling Klammerblues um zwölf rezension

Eigentlich sollte alles anders verlaufen. Als Fee mit 57 ihren Job kündigte, sah sie einem bequemen Ruhestand mit ihrem Mann entgegen. Die Winter wollten sie jeweils in einem anderen Land verbringen und so ständig schönes Wetter genießen und Erlebnisse sammeln. Auch wenn das nicht Fees Traum war, wäre sie ihrem Mann überallhin gefolgt. Auch wenn sie ihn schon seit vielen Jahren – wenn überhaupt jemals – geliebt hat. Aber nun ist er tot. Unerwartet ist er krank geworden und das Ende kam dann schnell. Fee ist allein in der großen Wohnung, ohne Job, und wie sich herausstellt, ohne Ersparnisse, auf die sie zurückgreifen könnte. Ihre Verzweiflung ertränkt sie in Chips, Alkohol und Serien. Nun kommt auch noch Übergewicht zu ihren Problemen, aber was soll’s – ihr Leben ist eh schon aussichtslos. Doch am Silvesterabend klingelt es an ihrer Tür und eine neue Nachbarin reißt sie mit viel Überredungskunst aus ihrer Lethargie.

Carla Berling erzählt in ihrem Roman eine Geschichte über das Altwerden, über Freundschaften und darüber, nie aufzugeben, auch dann nicht, wenn alles aussichtslos erscheint. An sich eine wichtige Botschaft, aber eine, die viel zu oft aufbereitet wurde, um noch frisch zu wirken. Der Humor könnte das Buch zu etwas Besonderem machen, doch er scheint dafür viel zu selten durch. Durch tolle Figuren hätte das Buch auch besser wirken können, doch diese sind entweder unsympathisch oder wirken einfach nur nicht lebendig. Claudine zum Beispiel, die lebensfrohe neue Freundin, hat eine herzzerreißende Geschichte, diese scheint aber völlig losgelöst von der erwachsenen Frau zu sein. Die neuen Freunde scheinen generell alle irgendeine traurige Geschichte zu haben, die sie – wie durch ein Wunder – überwunden haben und nun im Alter ihr Leben genießen können. Als würden alle die arme Fee anschreien: „Schau doch, mir ging es auch mal schlecht, aber jetzt geht es mir gut, also reiß dich doch auch zusammen!“

Insgesamt wird Fee von allen auf diese Art behandelt. Sie soll gefälligst abnehmen, sonst findet sie keinen Job. Denn ja, in diesem Roman wird immer wieder darauf hingewiesen, dass fette Menschen keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Ihr Alter scheint aber zumindest ein Vorteil zu sein. Die ganz Jungen hängen an ihren Handys und wollen nicht arbeiten, aber auch die etwas Älteren sind zu nichts zu gebrauchen.

So, und die Dreißig-plus-Tussen brauchst du auch nicht einzustellen, sobald die nämlich einen unbefristeten Vertrag haben, kriegen sie ein Baby, bekommen anschließend ihre postnatalen Depressionen und feiern Burn-out, als würde uns das alles nichts kosten. (…) Frauen ab Ende vierzig haben ihre Wechseljahre, werden fett, sind untervögelt, ihre Männer gehen eh fremnd, und deswegen hassen sie sich und die ganze Welt (…).

Seite 62

Übrigens werden diese Sätze von einem der besten Freunde Fees gesprochen. Der ihr eigentlich einen Job geben könnte, tut es aber nicht, weil sie übergewichtig ist. Dass sie unerwartet verwitwet ist, keine Einkünfte, dafür aber hohe Ausgaben und Depressionen hat, wollen alle mit Belehrungen kurieren. Sie soll abnehmen, sie soll positiv denken, sie soll eine neue Wohnung suchen, sie soll sich von alten Lasten trennen, sie soll sich eine neue Liebe suchen… Und das ist – zumindest in diesem Roman – die Lösung für alle Probleme.

Vielleicht funktioniert das so, und vielleicht halten manche Freundschaften diese Art von ständiger Belehrung aus und werden sogar positiv bewertet. Auch mich wirkte das alles eher befremdlich und das zuckersüße Ende des Romans half auch nicht wirklich. Andere Rezensenten fanden das Buch jedoch klug, einfühlsam und sehr witzig – und das wiederum finde ich schön, dass wir so unterschiedlich sind und das selbe Buch so verschiedene Reaktionen hervorrufen kann.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Meine Bewertung:

Bewertung: 3 von 5.

Der erste Satz:

Manchmal, so wird das Unvorhersehbare gern erklärt, kann der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tornado auf der anderen Seite der Erdkugel auslösen.

Impressum:

Autor: Carla Berling
Titel: Klammerblues um zwölf
Seitenzahl: 272
Verlag: Heyne
Erschienen: 2020
© Wilhelm Heyne Verlag

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