Oliver Hilmes: Das Verschwinden des Dr. Mühe

Oliver Hilmes Das Verschwinden des Dr. Mühe

1932 verschwand ein Arzt spurlos aus Berlin. Er ging am Abend noch einmal aus dem Haus, wollte aber bald zurückkehren. Sein Auto wurde später am Sacrower See entdeckt, aber von Dr. Mühe fand man keine Spur. Dass er nicht im See ertrunken ist, ist bis heute die einzige Tatsache, die man mit Sicherheit weiß. Der Arzt hat sehr gut verdient, seine Frau, Charlotte, konnte sich den schönen Dingen des Lebens widmen und nahm Gesangsstunden. Zwischen Schülerin und Lehrer entwickelte sich eine Liebesaffäre, was die Person des Musiklehrers Hugo Rasch besonders interessant macht. Wenn man noch hinzufügt, dass Rasch seit 1931 Mitglied der SA war und unter Hitler eine steile Karriere machte, neigt man dazu, zu glauben, dass er etwas mit dem Verschwinden des Ehemanns zu tun hatte. Doch auch andere Fragen tauchen auf: Womit hat Dr. Mühe so viel Geld verdienen können? Seine Praxis an sich hätte nicht so viel eingebracht. Welche Geschäfte hatte er nebenbei, warum traf er sich mit dubiosen Figuren des Berliner Nachtlebens? Oder hat etwa die hohe Lebensversicherung etwas mit seinem Verschwinden zu tun? Was verschweigt seine Ehefrau? Je mehr Fragen gestellt werden, umso mysteriöser und komplizierter erscheint der Fall.

Oliver Hilmes ist Historiker und bei der Recherche für sein Buch „Berlin 1936“ stieß er auf Unterlagen zum Fall „Dr. Mühe“. Bald war er fasziniert davon und vertiefte sich in weiteren Recherchen. Die Details, die er dabei sammelte, machen dieses Buch zu etwas Besonderem. Wenn er darüber schreibt, was Dr. Mühe in seinem Lieblingslokal zu Mittag gegessen hat, dann können wir davon ausgehen, dass Hilmes davor die Speisekarte aus der Zeit konsultiert hat. Berliner Straßen werden vor unseren Augen lebendig und wir bekommen ein gutes Bild davon, womit eine wohlhabende Dame einen Abend in der Stadt verbringen konnte. Teilweise – gerade zu Anfang – sind aber die vielen Details auch mal zu viel, die Sprache wirkt nicht flüssig, und es dauert deshalb, bis man als Leser in die Geschichte reinkommt. Als ob das Buch nicht wüsste, ob es ein Sachbuch oder doch lieber ein Roman sein möchte.

Die Gaststätte Waldfrieden am Sacrower See. Hier verschwand Dr. Mühe und wurde nie wieder gesehen. Quelle

Es ist ein spannender Fall, und als Leser ist man genauso am Rätseln, wie die beiden Ermittler. Immer, wenn man denkt, die Lösung gefunden zu haben, nimmt der Fall eine andere Richtung – kein Wunder, dass man ihn letztendlich nie aufrollen konnte. Hitlers Machtergreifung und der Zweite Weltkrieg begleiten die Geschichte und haben sicherlich auch dazu beigetragen, dass die Ermittlung ohne nennenswerte Ergebnisse zu den Akten gelegt werden musste.

Für Krimifans in jedem Fall empfehlenswert, auch wenn der offene Ausgang manche stören könnte – aber so ist es nun mal mit Cold Cases, mit denen man nicht wirklich mehr tun kann, als sie abzustauben. Durch die gut recherchierten Details ist es definitiv auch ein Buch für diejenigen, die sich für das Berlin der 30er Jahre interessieren oder über die Arbeit der Kriminalpolizei zu der Zeit mehr erfahren möchten.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Ernst Keller steht am Ufer des Sacrower Sees und schaut auf das Wasser.

Impressum:

Autor: Oliver Hilmes
Titel: Das Verschwinden des Dr. Mühe
Seitenzahl: 235
Verlag: Penguin
Erschienen: 2020
© Penguin Verlag

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