Heike Bungert: Die Indianer

Heike Bungert Die Indianer

Wenn es um Indianer geht, so muss ich zugeben, dass mich die Völker Mittelamerikas schon immer mehr interessiert haben, als die Nordamerikas. Die Maya mit ihren Pyramiden, Ballspielen, Menschenopfern und anderen Ritualen und vor allem mit ihrem Wissen um Mathematik und Astronomie faszinieren mich seit Jahrzehnten. Das heißt aber nicht, dass mich die Indianer im nördlichen Kontinent nicht interessiert hätten. Mit meiner besten Freundin aus Kindheitszeiten erinnern wir uns bis heute gerne an unsere Spiele als Winnetou und Old Shatterhand. Denn ja, unser Bild von den Indianern war und ist sehr stark von Karl Mays Abenteuerromanen geprägt – für uns, die mit diesen Büchern aufgewachsen sind, ist ein echter Indianer so, wie May ihn geschildert hat.

Wenn wir aber über die echten Indianer also über die echten Ureinwohner Nordamerikas sprechen wollen, müssen wir uns von diesem Fantasiebild verabschieden, vor allem von einer romantischen Betrachtung der Indianervölker. Und das fängt bereits beim Namen „Indianer“ an. Denn dieser ist – wie bekannt – ein Name, der noch von Christopher Columbus stammt, der bei seiner Landung in Amerika gedacht hat, Indien erreicht zu haben. Während es in Deutschland auch heute noch eher unproblematisch und verbreitet ist, von Indianern zu sprechen, ganz anders ist es in den USA. Dort wird meistens von „Native Americans“ gesprochen, wobei die Betroffenen selber „American Indians“ bevorzugen. Die Namen der vielen einzelnen Indianergruppen sind dabei auch ebenfalls in Gebrauch. Die Autorin, Heike Bungert verwendet in ihrem Buch in erster Linie als Kompromiss die Bezeichnung „Indianer“ und „Indigene“, was bei der schieren Vielfalt der Möglichkeit gewiss eine gute Lösung ist. Dabei verzichtet sie keineswegs darauf, eingehender über die einzelnen Völker/Gruppen zu sprechen, was einerseits über ihre tiefen Kenntnisse Zeugnis ablegt, andererseits aus der Sicht des Lesers manchmal zu Schwierigkeiten führt, da diese Namen keineswegs einfach zu lesen oder gar auszusprechen sind. Aber es ist allemal ein Erlebnis, diese zu sehen und damit konfrontiert zu werden, welche Vielfalt hinter der einfachen Bezeichnung „Indianer“ in Wahrheit steckt.

Und diese Vielfalt ist mit ein Grund dafür, warum es gar nicht mal so einfach ist, die Geschichte der Indianer zu erzählen. Wenn man dann auch noch bedenkt, dass wir hier von Völkern sprechen, die in unserem Sinne keine Schriftsprache hatten und durch die Verwendung von Naturerzeugnissen als Behausung auch Archäologen nicht viele Möglichkeiten für die Forschung bieten, ist es doch bemerkenswert, mit wie vielen interessanten Details dieses Buch aufwarten kann.

Das Einzige, was sich sicher sagen lässt, ist, dass wir vieles nicht wissen und vermutlich auch nie wissen werden.

Seite 15

Es gibt bei all den historischen Unsicherheiten aber doch einiges, was wir mit Sicherheit wissen. Denn mit der Ankunft der Europäer wurde auch die Geschichte der Indianer schriftlich dokumentiert, wenn meistens natürlich aus der Sicht der Eindringlinge. Die Einheimischen begrüßten die Europäer in den meisten Fällen zunächst freundlich und sahen in ihrer Ankunft neue Möglichkeiten. Viele der Stämme waren nämlich verfeindet und freuten sich auf die neuen Verbündeten. Die Europäer erwiesen sich auch als spannende Handelspartner. Doch nach und nach wurden die Indianer – die gerade am Anfang zahlenmäßig deutlich stärker waren als die Neuankömmlinge – von ihren Gebieten verdrängt in weniger Fruchtbare, wo sie mit Völkern zusammenleben mussten, die weniger entwickelt waren als sie selber. Dezimiert wurden die Indianer dabei gar nicht erst durch kriegerische Auseinandersetzungen, sondern durch Krankheiten. Was aber nicht heißen soll, dass Indianer nicht in großen Massen ermordet wurde. Heute sprechen wir von einem Genozid hier.

Heike Bungert erzählt die Geschichte der Indianer in ihrem Buch mit vielen Details und doch auch einfühlsam. Ihre Geschichte reicht bis zu unseren Tagen. Eine durch die vielen Details teilweise doch etwas zähe Lektüre, aber für alle, die sich für das Thema interessieren, eine auf jeden Fall lesenswerte.


Diverses

Vielen Dank an dieser Stelle an den C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Das Interesse an „Indianern“ in Deutschland, das seit dem 19. Jahrhundert besteht, ist ungebrochen.

Impressum:

Autor: Heike Bungert
Titel: Die Indianer. Geschichte der indigenen Nationen in den USA
Seitenzahl: 286
Verlag: C.H. Beck
Erschienen: 2020
© Verlag C.H. Beck oHG

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