Benjamin Moser: Sontag. Die Biografie

Benjamin Moser Sontag

Fotografie hat mich viele Jahre lang beschäftigt, meine Kamera war mein ständiger Begleiter. Zunächst schieß ich einfach nur darauf los, später habe ich mich aber immer mehr auch mit der Theorie der Fotografie auseinandergesetzt. Es war in dieser Zeit, dass ich Susan Sontags Buch „Über Fotografie“ gelesen habe. Verstanden habe ich zwar bei weitem nicht alles, doch ein Gedanke stach hervor und beschäftigte mich sehr lange. Ich nahm bis dahin an, ohne darüber sehr viel nachzudenken, dass Fotografie immer objektiv ist. Man drück auf den Auslöser und verewigt das, was man gerade gesehen hat. Dass ich aber dabei durch diverse Entscheidungen ein absolut subjektives Bild erstelle, wurde mir erst jetzt klar. Gleichzeitig nannte Sontag den Fotografen einen Voyeur, der nur zuschaut und das Leid der Menschen festhält, aber nicht hilft. Ein Gedanke, bei dem ich immer an Kevin Carter und sein Foto über ein hungerndes Kind denken muss. Wenn man nur das Bild kennt, kommt man schnell zu einem ähnlichen Schluss, wie Sontag – den sie übrigens später revidiert hat, wie ich aus dieser hier vorgestellten umfangreichen Biografie erfahren habe.

Susan Sontag kannte ich nicht wirklich, aber da sie vor vielen Jahren doch deutliche Spuren bei mir hinterlassen hat, habe ich das Buch über ihr Leben mit großem Interesse in die Hand genommen. Mit über 800 Seiten ein echter Wälzer, der sich aber sehr gut und schnell lesen lässt. Benjamin Moser beweist dabei immense Kenntnisse nicht nur was Sontag Leben und Werk angeht – wobei dass alleine schon überwältigend ist -, sondern auch was die Zeitgenossen und zeitgenössische Kultur angeht. Er ist wie ein Who-is-Who der doch recht vielen Jahrzehnte von Susan Sontags Schaffen. Das ist einerseits absolut bewundernswert, andererseits führt es dazu, dass er alles sehr detailliert ausführen muss und das ist, wenn es um die Werke von Susan Sontag geht, meistens nicht wirklich spannend. Und wenn es um das Leben von Sontag geht, dann sind es auch zu viele, zu intime Details, sodass man sich als Leser – wie der von Sontag beschriebene Fotograf – wie ein Voyeur fühlt. Und das ist kein schönes Gefühl.

Ich bin deshalb hin- und hergerissen, wenn es um dieses Buch geht. Einerseits ist ein wirklich fantastisch geschriebenes Werk, andererseits weiß ich jetzt Dinge über Susan Sontag, die mich wirklich nichts angehen. Bereits zuvor wusste ich, dass sie mit Annie Leibovitz gelebt hat, im Buch werden aber all die zahlreichen Liebesverhältnisse aufgezählt, die Susan hatte. Und nicht nur das, die vielen Zitate aus ihren Tagebüchern las ich auch mit viel Unbehagen. Und trotz allem ist es auch faszinierend, diese Person kennenzulernen. Gerade zum Ende hin werden immer mehr frühere Freunde zitiert, die davon erzählen, wie unausstehlich Sontag war. Doch wenn man weiß, wie sie aufgewachsen ist, wird vieles verständlicher (wenn für die Freunde sicherlich auch dann nicht akzeptabel). Das vielleicht bestimmendste Ereignis war der frühe Tod ihres Vaters, den ihre Mutter zunächst verschwiegen und auch später nie in Detail erzählt hat. Ihr Vater blieb für Susan immer jemand, der eventuell tot ist, aber vielleicht auch nicht. Der Tod und der vorgetäuschte Tod wurden zu einem wichtigen Thema in ihren Werken. Mit einer Mutter aufzuwachsen, die sich mit aller Kraft der harschen Realität des Lebens verwehrte, hinterließ tiefe Spuren in Susan, die nie ein gesundes Verhältnis zu ihrer Mutter entwickeln konnte. Die Rollen Mutter/Tochter waren unklar, verwoben, und das schlug sich in allen Beziehungen Sontags nieder. Genauso wie der Wunsch, die Realität zu ändern. Aus ihren Tagebüchern geht hervor, dass sie sich ihrer Homosexualität bewusst war, aber ebenso bewusst hat sie sich entschieden, ihre sexuellen Präferenzen zu ändern. Aber wie kann man andere aufrichtig lieben, wenn man mit sich selbst unzufrieden ist und mit aller Kraft anders werden möchte?

Für mich war bei all den Exkursen ins Privatleben und ins literarische und essayistische Werk am Ende Sontags politischer Aktivismus. Dieser war besonders bemerkenswert, da sie jahrzehntelang überhaupt nicht politisch war und wenn es um Politik ging, eher naiv reagierte. Doch das änderte sich nach und nach und sie wurde immer aktiver. Ein besonderes Stück Geschichte ist ihre Inszenierung von „Warten auf Godot“ in Sarajewo, mitten im Krieg. Nur alleine um darüber zu lesen und was es damals den eingekesselten Einwohnern Sarajewos bedeutete, lohnt es sich, dieses Buch in die Hand zu nehmen.

Am Ende des Buches angelangt weiß man viel mehr über Susan Sontag. Man lernt eine Persönlichkeit kennen, bei der man im Grunde froh ist, sie nie getroffen zu haben. Und man lernt eine Persönlichkeit kennen, die man sich sehnlichst wünscht, getroffen zu haben.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal / den Penguin Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Im Januar 1919, in einem ausgetrockneten Flussbett nördlich von Los Angeles, hatten sich Tausende von Mitwirkenden versammelt, um ein zeitgenössisches Horrorszenario zu neuem Leben zu erwecken.

Impressum:

Autor: Benjamin Moser
Titel: Sontag. Die Biografie
Aus dem Amerikanischen: Hainer Kober
Seitenzahl: 928
Verlag: Penguin
Erschienen: 2020
© Penguin Verlag

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