Susanna Clarke: Piranesi

Susanna Clarke Piranesi

Piranesi lebt in einem riesigen Gebäude, es ist seine ganze Welt. Der Untergeschoss ist von Meereswasser überschwemmt, der Obergeschoss besteht aus Wolken, bewegen kann er sich also nur zwischen den beiden. Langweilig wird es ihm hier aber nicht, denn es reihen sich hunderte von größeren und kleineren Räumen aneinander. Er kann tagelang wandern, und erreicht trotzdem nicht das Ende. In jedem Raum befinden sich Marmorstatuen, die unterschiedlichste Figuren darstellen. Piranesi macht Notizen von allem, was er hier sieht und teilt seine Erfahrungen mit der einzigen anderen Person, die ebenfalls im Gebäude unterwegs ist. Wo ist dieses Gebäude und wie ist Piranesi (der seiner Ansicht nach gar nicht so heißt) hierhergekommen? Wer ist Der Andere? Dient das Gebäude einem höheren Zweck? Und hat Piranesi tatsächlich Erinnerungslücken, wie Der Andere behauptet?

Über manche Bücher sollte man vorab nicht zu viel verraten, um anderen Lesern nicht den Spaß zu nehmen. „Piranesi“ ist so ein Buch. Susanna Clarke hat eine ganz besondere Welt in diesem Roman erschaffen, doch würde ich hier zu viel darüber verraten, worum es dabei geht, würde ich künftige Leser der Freude der ersten Entdeckung berauben. Denn dieses Buch ist eine echte, abenteuerliche Entdeckungsreise. Eine, bei der man ständig versucht, zu verstehen, was passiert oder zu erraten, was des Rätsels Lösung sein wird. Und gerade wenn man sich endlich fallen lässt und einfach alles geschehen lässt, öffnet sich die Tür um eine Haaresbreite, sodass man glaubt, nun doch endlich alles verstanden und gelöst zu haben. Eins kann ich verraten: immer wenn man das denkt, irrt man sich.

Es ist eine ganz besondere Reise, Piranesi im Gebäude und in seinen bruchstückhaften Erinnerungen zu begleiten. Für ihn ist das Haus die Welt, ein Außerhalb gibt es nicht. Er ist Wissenschaftler, er will die Welt verstehen, er will sie kartographieren. Als Entdecker dieser Welt benennt er alles nach seiner eigenen Logik. Beschreibung und Namensgebung sollten das Fremde, das Unverständliche näher bringen. Doch man kann nicht alles verstehen, manches muss man so akzeptieren, wie es ist. Genau so ist es mit diesem Buch. Man muss bereit sein, in dieses Spiel der Fantasie einzusteigen, was nicht so einfach ist. Meine Erfahrung war, dass ich anfangs hartnäckig nach einer rationalen Lösung gesucht habe, aber je mehr Rationalität sich ins Buch einschlich, umso mehr habe ich mich über die verbliebenen fantastischen Elemente erfreut. Eine besondere kleine Freude (als hätte mir die Autorin zugezwinkert) brachte die Erwähnung von „Nicht blinzeln„, einer der besten Doctor Who Folgen aus der Feder Steven Moffats. Wer die Folge kennt, weiß, warum ich seither anders auf Statuen blicke… Die Folge hat aber außer der Tatsache, dass in beiden Statuen vorkommen, nichts mit diesem Buch zu tun.

Es ist ein außergewöhnlicher Roman, sehr kreativ, sehr gut geschrieben. Einer, der mich noch lange begleiten wird. Die Geschichte hat viele Schichten, die beim ersten Lesen sicherlich durch die Lappen gehen, ich habe mir deshalb jetzt schon vorgenommen, das Buch irgendwann noch einmal zu lesen – und das tue ich wirklich selten.


Diverses

Herzlichen Dank an dieser Stelle an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Als Der Mond im Dritten Nördlichen Saal aufging, lief ich in das Neunte Vestibül, um die Vereinigung dreier Fluten zu erleben.

Impressum:

Autor: Susanna Clarke
Titel: Piranesi
Aus dem Englischen: Astrid Finke
Seitenzahl: 272
Verlag: Blessing
Erschienen: 2020
© Karl Blessing Verlag

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.