Thomas Hettche: Herzfaden

Thomas Hettche: Herzfaden

Die Augsburger Puppenkiste ist heute fest in der deutschen Kultur verankert. Jeder scheint die Figuren zu kennen, manche nur aus dem Fernsehen, viele von den Aufführungen in Augsburg. Ganz anders ist es, wenn man nicht in diesem Land aufgewachsen ist – ich habe erst vor wenigen Jahren überhaupt erst von der Augsburger Puppenkiste gehört, von einer Kollegin, die ursprünglich aus Augsburg kommt. Und ich muss gestehen, ich habe das damals als etwas abgetan, was für Kinder ist, denn was sollte ein Puppentheater sonst sein? Nachdem ich nun den Roman von Thomas Hettche gelesen habe, habe ich nun plötzlich eine fast persönliche Beziehung zur Puppenkiste. Und wenn die Geschichte auf mich so stark gewirkt hat, wie tief geht sie wohl bei all denen, die das Puppentheater von Kindesbeinen an kennen?

Zwei Erzählebenen, zwei Textfarben, das fällt sofort auf, wenn man im Buch blättert. Wenn die Schrift rot ist, sind wir bei dem Mädchen, im Heute. Es ist zwölf Jahre alt und fühlt sich zu erwachsen für Puppentheater. Reißt sich deshalb von seinem Vater los und öffnet eine Tür, durch die es in ein Treppenhaus gelangt. Irgendwann ist es dann auf dem Dachboden und begegnet Figuren aus der Puppenkiste, nur sind sie alle so groß… oder ist das Mädchen klein geworden? Ein Frau taucht auf, wie sich herausstellt, ist sie die Tochter des Theatergründers Walter Oehmichen. Hannelore Oehmichen, Hatü genannt, erzählt von ihrem Leben, das eng mit der Entstehung der Augsburger Puppenkiste verwoben ist. Die blaue Schrift verfolgt ihr Leben als junges Mädchen und später als junge Frau. Es ist während des Zweiten Weltkriegs, dass sich ihr Vater, ein erfolgreicher Schauspieler, anfängt, Marionetten zu schnitzen und mit den Puppen Vorstellungen aufzuführen. Nach einer Bombardierung wird das kleine Puppentheater vernichtet, doch wenige Jahre nach dem Krieg findet die Familie wieder Kraft und Energie, es aufzubauen.

Es ist eine spannende und schöne Geschichte, die zeigt, dass man gerade wenn es schwer wird, nicht auf Kunst verzichten sollte. Auch wenn nicht alle das Puppentheater ernst nehmen können, schweißt es nicht nur die Familie zusammen, sondern gibt immer wieder neuen Menschen – ob Mitwirkende oder Zuschauer – neue Hoffnung. Was 1942 mit einer kleinen Aufführung in einem Wohnzimmer anfängt, lässt sich heute aus der deutschen Kulturgeschichte nicht mehr wegdenken.

Man kann aber nicht über die Kriegsjahre sprechen, und dabei die Zeitgeschichte vergessen. Familien verlieren ihre Wohnungen, Kinder ihre Eltern, und Menschen jüdischer Abstammung verschwinden von einem Tag auf den anderen. Walter Oehmichen muss zwar an der Front kämpfen, kann aber zurückkehren und weiter im Theater arbeiten, obwohl der Krieg noch längst nicht vorbei ist. Welche Art von Beziehungen erlauben so etwas – die Frage wird offen in den Raum gestellt, aber eine klare Antwort gibt es, wie in so vielen Fällen, nicht. Nach dem Krieg gibt es auch viele Fragen, doch es scheint alles noch verworrener zu sein. Die Geschichte bringt zum Nachdenken, so ergeht es dem Mädchen in der rotgeschriebenen Geschichte und auch dem Leser.

Die Gestaltung des Buches ist sehr gut gelungen, vom Cover, über die zwei Schriftfarben und die Zeichnungen bis zum Papier ist alles gut durchdacht, elegant und schön. Eine wahre Freude für Bibliophile.


Diverses

Der erste Satz:

Das Mädchen riss sich von der Hand seines Vaters los und lief weg.

Impressum:

Autor: Thomas Hettche
Titel: Herzfaden
Seitenzahl: 288
Verlag: Kiepenheur & Witsch
Erschienen: 2020
© Verlag Kiepenheur & Witsch

4 Kommentare zu „Thomas Hettche: Herzfaden

    1. Oh, das ist interessant! Ich hätte gedacht, dass das Buch gerade dann ein größere Wirkung hat, wenn man die Puppenkiste kennt und die Puppen, die auftauchen, Erinnerungen auslösen.

      1. Naja, die Puppen wurden ja bsmentlich kaum erwähnt. Man hätte sie mit beliebigen anderen Marionetten austauschen können, da ihre „Persönlichkeiten “ kaum eine Rolle spielten.

      2. Es sieht so aus, als hätte ich tatsächlich einen Vorteil dadurch gehabt, die Puppenkiste überhaupt nicht zu kennen, krass.

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