Hans Pleschinski: Am Götterbaum

Hans Pleschinski Am Götterbaum

Drei Frau sind unterwegs zu einem Termin in München. Unterschiedlicher könnten sie vielleicht gar nicht sein. Die ältere Stadtpolitikerin, die noch eine großen Wurf vor ihrer Rente haben möchte, die Autorin, die gerade ihren neusten Roman mit einem abstrakten Titel in Russland vorgestellt hat, und die Bibliothekarin, eine echte Bayerin, die nach einem Schiunfall neben den beiden herhumpelt. Was die drei verbindet ist der Plan um ein Kulturzentrum in der ehemaligen Villa von Paul Heyse. Wenn sich jetzt viele fragen, wer Paul Heyse war, ist das kein Wunder, denn heute ist der einstige Nobelpreisträger der Belletristik fast ganz vergessen. In München erinnert eine Unterführung am Hauptbahnhof an ihn, an seinem Haus in der Luisenstraße 22 hingegen erinnert nichts mehr an den Dichter. Genau das möchte die Stadträtin Antonia Silberstein ändern. Bei der Entscheidung, ob Heyse denn so einer Ehre heutzutage würdig ist, sollen die beiden anderen Frauen helfen, und ein Experte für Heyse, den sie am Haus treffen wollen.

Und so beginnt ein geographisch gesehen kurzer Spaziergang vom Neuen Rathaus bis zur Heyse-Villa (praktisch neben der Glyptothek gelegen), der zu einem langen Gespräch wird. „Mir kommt’s so vor, als wären wir seit drei Wochen unterwegs“ – heißt es bereits auf Seite 83. Denn die Frauen bleiben immer wieder stehen, um Texte vorzulesen oder die literarische-kulturelle Rolle von Heyse abzuwägen. Wenn es nach der Schriftstellerin ginge, würde man das Geld definitiv nicht auf Heyse verschwenden („das ist ausgewrungener Goethe, knapp hundert Jahre, nachdem der tot war. Dichtung wie stockige Wäsche.“), die Bibliothekarin hingegen ist Feuer und Flamme von der Idee eines Heyse-Zentrums. Unterbrochen wird die Unterhaltung nur von anderen Spaziergängern und Verkehrsereignissen auf der Straße. Eine neue Dynamik ins Gespräch bringen der Experte und sein chinesischer Mann, beide ebenfalls mit unterschiedlichen Temperamenten und Meinungen, wenn es um das Kulturdenkmal und Heyse geht.

Hans Pleschinski ist ein Autor, dessen Werke ich einfach immer wieder gerne lese. Er hat einen feinen Stil und er scheint so ziemlich alles oder zumindest sehr viel über Kunst und Kultur zu wissen. In seinem neuen Roman wird all das noch durch eine große Portion Humor ergänzt. „Am Götterbaum“ ist ein Münchner Roman, und obwohl ich ganz am Rande der Stadt lebe und auch das erst seit erst wenigen Jahren, habe ich diesen literarischen Spaziergang, der letztendlich dieses Buch ist, mit all seinen Anspielungen genossen.

Der Tiefgang, die zum Beispiel in „Wiesenstein“ und „Bildnis eines Unsichtbaren“ so stark anwesend war, fehlt hier, was an sich schon viel über Heyses Rolle in der heutigen Literatur aussagt. Das war allerdings etwas, was ich auch nicht vermisst habe, ich war gerade jetzt, heute sehr dankbar für eine leichtere Lektüre, die mir trotzdem viel über einen vergessenen Mann erzählt hat. Und wenn man wieder einmal „normal“ in der Stadt unterwegs sein kann, werde ich dieser Villa mit Sicherheit einen Besuch abstatten.


Diverses

Vielen Dank an dieser Stelle an den C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der erste Satz:

Der Wind frischte auf.

Impressum:

Autor: Hans Pleschinski
Titel: Am Götterbaum
Seitenzahl: 280
Verlag: C.H. Beck
Erschienen: 2021
© Verlag C.H. Beck oHG

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.